Eine Woche vor den Europawahlen verlor Italiens skandalerschütterte politische Arena einen Protagonisten: Enrico Berlinguer, KPI-Chef und Wegbereiter des Eurokommunismus, ist einem Gehirnschlag erlegen.

Noch vor Tagen neigten politische Auguren dazu, die KPI als schon ins Abseits geratene politische Kraft abzutun. Jetzt jedoch beherrscht durch Berlinguers Tod seine Partei plötzlich wieder die Szene der Republik: Vom sozialistischen und christdemokratischen Italien über das liberale bis hin sogar zum neofaschistischen spricht man von Berlinguer nicht nur mit Respekt und jener menschlichen Anteilnahme, die für südländische Mentalität jedem Sterben, auch dem des Gegners gebührt; sogleich tritt auch ins öffentliche Bewußtsein, wie sehr die Partei Berlinguers gerade unter seiner Führung zum Sammelbecken eines nicht eigentlich kommunistischen, ja nicht so sehr politischen, sondern moralischen Protestes geworden war. Der Präsident des Senats, der Christdemokrat Armando Cossiga, sagte, er wisse nicht, wie es Berlinguer gelungen sei, zugleich echter Kommunist und echter Demokrat zu sein, doch eben dies sei ihm gelungen.

In dieser Aussage steckt der sehr italienische Kern dessen, was die Gestalt des Parteichefs geprägt hat. 1922 in einer adligen, politisch liberalen Familie Sardiniens geboren, stieß er am Ende des Zweiten Weltkriegs als junger Antifaschist zu den Kommunisten. Deren Führer Togliatti stellte damals schon die Weichen zu einem, nicht nur taktisch verstandenen, Kompromiß mit der parlamentarischen Demokratie. Nachdem Berlinguer 1972 das Steuer der Partei ergriffen hatte, entwickelte er seit 1973 die Politik des „historischen Kompromisses“ mit den Christdemokraten, die der KPI mit 34 Prozent Stimmen den Gipfel ihres Erfolgs bei den Wählern einbrachte, ihr dann aber, als die „nationale Solidarität“ gegen den Terrorismus und zur Abwendung einer Wirtschaftskatastrophenicht mehr nonnöten war, auch einen schweren Rückschlag eintrug.

Zwar zog Berlinguer erst spät die ganze Konsequenz aus seiner ablehnenden Haltung zur sowjetischen Politik; zur Invasion in Afghanistan und zum Militärstreich in Polen. Als er 1982/83 die eindeutige Abkehr der italienischen Kommunisten vom Moskauer Modell durchsetzte, war seine Partei demokratisch genug legitimiert – so sehr, daß die anderen Parteien die Kommunisten ohne Risiko zurück in die Opposition drängen konnten. Dort spielt sie heute mächtig und ohnmächtigzugleich ihre Rolle.

Der Tod Berlinguers könnte die innere Spannung der KPI als kommunistische und zugleich demokratische Partei zur Zerreißprobe werden lassen, jedenfalls die Frage nach ihrer eigentlichen Identität zuspitzen. Und darum hält in den Tagen nach Berlinguers Tod das politische Italien den Atem an. Hansjakob Stehle (Rom)