„Der Großwesir der Nacht“, Roman von Catherine Hermary-Vieille. Im Bagdad des 9. Jahrhunderts spielt diese fiktive Erzählung, die mit allem auffahrt, was das Herz begehrt: Liebe, Grausamkeit, Heldentum, Sex und dem lockenden Glanz der Monarchie. Zwischen den Zeilen lauert die Sehnsucht nach einer festgefügten Gesellschaft, die trotz Gegensätzen und Intrigen den eigenen Gesetzen streng gehorcht. Durch einen suggestiven Stil (kräftig unterstützt von der Übersetzung, die – im Gegensatz zum französischen Original – blumig 1001 Nacht kopiert) sind wir gefangen in der prallen Geschichte vom Kalifen Harun al-Raschid, der im sinnlichen Netz seines Wesirs Dschafar aus der mächtigen Familie der persischen Barmakiden zappelt. Um sich daraus zu befreien, kommt er auf die satanische Idee, seine 13jährige Schwester Abassa diesem Großwesir der Nacht zur Frau zu geben – unter der Bedingung, die Ehe dürfe niemals vollzogen werden. Ein riskanter und perverser Plan, wo er doch weiß, daß die beiden einander lieben. Was das Buch über triviale Leidenschaftsromane hinaushebt, ist die psychologisch genaue Darstellung des sich anbahnenden Machtkonflikts der beiden Freunde, die zu Feinden werden: Der ehrgeizige, blutvolle Perser Dschafar und der empfindliche, fanatische Araber Harun haben Interessen, die im Grunde unvereinbar sind. 1981 bekam die Autorin den „Prix Femina“ für diesen Erstling. Ihr Erfolg beim Publikum dürfte besonders auf dem unterhaltungsbewährten Duo Spannung plus Sehnsucht beruhen, das ihre Bücher auszeichnet: Catherine Hermary-Vieilles neuer Roman, „La marquise des ombres“, steht in Frankreich an erster Stelle der Bestsellerliste. (Aus dem Französischen von Bettina Runge; Klett-Cotta, Stuttgart, 1983; 220 S., 29,80 DM.)

Peter Urban-Halle