Baden-Baden: „Christian Boltanski“

Die Kunst kennt längst keine „reinen“ und „unreinen“ Materialien mehr. Aber hat einer schon Kunst aus Spielbauklötzen gemacht? Christian Boltanski (geboren 1944) setzt sie aufeinander, wie er sie vielleicht vor 35 Jahren gestapelt hat. Ein roter Basisstein, ein grüner Brückenstein und oben drauf ein gelbes Giebelstück. Fertig ist das elementare Haus. Nur daß das kinderhandgroße Gebäude jetzt als Farbphotographie im Quadratmeterformat Kunsthallenreife besitzt, eine composition architecturale geworden ist. Die scheinbar simple Kunstbehauptung gewinnt im Zusammenhang von Boltanskis Werk ihre Doppelperspektive. Die Konstruktion ist Rekonstruktion, das nachgestellte Spielhaus ein Erinnerungsversuch, Archäologie in der eigenen Vergangenheit. Zugleich aber tritt die Spurensuche monumental und kodakcolorisiert auf, gibt sich das banale Sujet stolz wie das Photo im Familienalbum. Boltanski war in den frühen siebziger Jahren jener Kunstrichtung zuzuordnen, die in privaten und kollektiven Gedächtnissen Feldforschung mit gleichsam ethnologischen Methoden betrieb. Unterschieden hat er sich von seinen Kollegen schon immer durch die Ironie, mit der er seine Bildergeschichten und Fundsachen-Sammlungen brach. Denn die Figur Christian Boltanski, die sich aus ihnen mosaikartig zusammensetzen sollte, war ganz und gar erfunden. Je direkter, authentischer der Künstler von sich zu berichten schien, desto weiter war er von sich entfernt, desto fiktiver wurde das Selbstporträt. Solche Distanz bestimmt nun auch die großen Photobilder, die Boltanski neuerdings beschäftigen (und die vor allem die Ausstellung in der Baden-Badener Kunsthalle zeigt). Ob Spielzeug-Architekturen oder Papp-Figuren, die mit Hampelmann-Gliedem „heroische“ Gesten vorführen, oder Grotesk-Personal aus Flaschenkorken, Nußschalen, Nägeln, Hemdenknöpfen und Wäscheklammern in theatralischen Szenen: Stets trägt die Primitivfiguration den Anspruch des vorsätzlich Schönen. War früher das angeblich Echte gespielt, kleidet sich nun die Spielhaltung „echt“. Die ironische Spannung ist die gleiche geblieben. Der Clown steckt jetzt in der Maske des „Malers“, des Bildermachers, der mit seinen Bildern auf den kulturellen Kontext verweist, in dem visuelle Informationen zu Bildern werden. (Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, bis 1. Juli, Katalog 30 Mark)

Hans-Joachim Müller

Berlin: „Bernhard Heisig

Auch ohne Kulturabkommen und trotz Drei-Staaten-Theorie hat Berlin-West in schöner Regelmäßigkeit Ausstellungen von DDR-Künstlern. Das Zauberwort heißt „Staatlicher Kunsthandel der DDR“. Dieter Brusberg darf sich wohl als einen der Pioniere des deutschdeutschen Bilderhandels bezeichnen; so wartet er denn jetzt auch mit einem museumsreifen Überblick über das vergangene (knappe) Schaffensjahrzehnt Bernhard Heisigs auf. Der Direktor der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst zählt mit Sitte, Mattheuer und Tübke zu den „Altmeistern“ in der DDR, und stärker als irgendeiner schlägt er in seinen Bildern die Brücke zu den historischen Wurzeln des weitgefächerten „Sozialistischen Realismus“, zu Weltkrieg und Antifaschismus. „Mit der Kunst kann man keinen Krieg verhindern“, sagt er und malt doch immer wieder so dagegen an, daß die Leinwände zum Bersten gefüllt sind mit den traumatischen Erlebnissen aus der „Festung Breslau“, die er, noch nicht zwanzig, mit zu verteidigen hatte. Das Rot und Gelb der Brandbomben flackert über dem Grau und Schwarz der Kriegsmaschinerie, während die „Unbelehrbaren“ mit ihren Eisernen Kreuzen und Aufziehpanzern spielen und die braunbemützten Drahtzieher sich mit Akten vergnügen, an denen Heisig die bei Beckmann bewunderten „kalten Lichter im Fleisch“ setzt. Und damit wäre der andere Grundzug seiner Malerei bezeichnet, das bewußte Anknüpfen an die Tradition des deutschen Expressionismus der Zwischenkriegszeit. Dix’ „Schützengraben“ wird des Sujets halber zitiert, aber eine wirkliche Wahlverwandtschaft gibt es zum späten Corinth. So scheint es bisweilen, als sei die Thematik nur der Vorwand, die ganze Sinnlichkeit der Ölmalerei auszuspielen, eine Sinnlichkeit, die bei Heisig über die Jahre immer stärker geworden ist. Das Handwerk ist das A und O der Kunst, und die ist die einzige Möglichkeit, mit der Fülle von Leben und Leibern und Leid fertig zu werden, die den Maler bedrängt. So hat er sich dargestellt, mit dem Skizzenblock, als er „die Völkerschlacht malen wollte“, gebannt und fasziniert zugleich. (Galerie Brusberg bis 30. Juni) Bernhard Schulz

Wichtige Ausstellungen

Essen: „Peru durch die Jahrtausende“ (Villa Hügel bis 30. 6., Katalog 32 Mark)