Von Klaus Schulte

Seit dem 1. Februar dieses Jahres kommen Schüler der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule nachmittags in ihr Gymnasium, um freiwillig zusätzlichen Unterricht zu nehmen. Der Eifer hat einen einfachen Grund: Am Nachmittag wird naturwissenschaftlicher Unterricht in kleinen Gruppen angeboten. In diesen Kursen können die Schüler tun, was sie vormittags nicht tun können. In Physik experimentieren sie selbst, in Mathematik tragen sie ihre Fragen einem Lehrer vor, der Zeit für sie hat, an jedem der fünf Computerplätze sitzen nur zwei oder drei Schüler. Unter diesen Bedingungen macht Schule plötzlich Spaß. Der Andrang ist groß, es gibt Wartelisten, und die Laufzeit der Kurse mußte verkürzt werden, um möglichst vielen Schülern die Teilnahme zu ermöglichen.

Die Kurse werden von einem Studienassessor geleitet, der ohne diese Stelle einer von 12 000 arbeitslosen Lehrern in Nordrhein-Westfalen wäre. Er wird vom Lehrer-Eltern-Arbeitskreis „Für eine bessere Schule“ bezahlt. Dieser Kreis will beweisen, wie gut die Schule sein könnte, wenn die Bildungspolitiker ihre Vorsätze von 1973 verwirklicht hätten. Damals hatten die Kultusminister aller Bundesländer in seltener Harmonie Zielwerte für die Schüler-Lehrer-Relation beschlossen, die schrittweise erreicht werden sollten. Wenn heute überhaupt noch jemand von diesem Bildungsgesamtplan spricht, dann bestenfalls im Sinne einer positiven Utopie.

Wie weit die Schulwirklichkeit heute vom damals Beschlossenen abweicht, ist in den „Informationen zu Lehrerbedarf und Lehrerangebot“ des Kultusministers von Nordrhein-Westfalen vom Juni 1983 nachzulesen: „Legt man für das Schuljahr 1982/83 die interpolierten Zielwerte des Bildungsgesamtplans zugrunde, so ergäbe sich ein Nachholbedarf von 18 000 Lehrern für das Land Nordrhein-Westfalen.“

Das heißt: Würden die 12 000 arbeitslosen Lehrer Nordrhein-Westfalens eingestellt, blieben auch heute noch 6000 Stellen unbesetzt. 6000 Stellen, die Experten einmal schaffen wollten.

Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis das Notwendige wenigstens in einem kleinen Teilbereich an der Kaiserin-Augusta-Schule getan werden konnte. In diesen zwei Jahren gab es Erfolge, Mißerfolge und wichtige Erfahrungen.

Es hat sich gezeigt, daß ein Kollegium ein durchaus kontroverses Projekt engagiert diskutieren kann, ohne daß Brüche entstehen. Unterschiedliche Parteibücher oder Mitgliedschaften in konkurrierenden Berufsverbänden schließen eine gemeinsame politische Bemühung der Lehrer nicht aus. 35 der knapp 60 Kollegen verpflichteten sich, wenigstens so lange etwa 50 Mark im Monat zu zahlen, bis der Anspruch des anzustellenden Lehrers auf Arbeitslosenunterstützung gesichert ist. Das war beeindruckend, reichte aber keineswegs aus, um eine volle Stelle einzurichten. Eltern halfen mit Spenden und Sachverstand, so daß die Finanzierung von immerhin einer halben Stelle nach dem Muster eines BAT-Vertrags zunächst für ein Jahr gesichert werden konnte. Der Verein der „Freunde und Förderer der Kaiserin-Augusta-Schule“ übernahm juristisch die Arbeitgeberrolle.