Von Andreas Flitner

Israel ist nicht ein Staat wie andere, auch die Lage seines Erziehungs- und Bildungswesens ist nicht vergleichbar mit der anderer Länder. Dennoch sind dort nicht nur die eigenen Probleme dieses kleinen Staates präsent, auch nicht nur die der jüdischen Erziehung in aller Welt. Die jüdische Religion und Kultur sind von jeher und bis heute im höchsten Maße auf Überlieferung, auf Wissen, auf Erziehung ausgerichtet. Darum erscheinen dort Probleme, die in der europäischen Kulturtradition und im Zusammenhang der Weltkulturen auch die unseren sind, wie unter einem Brennglas vergrößert und intensiviert.

Es ist deshalb verwunderlich, daß sich das auswärtige Interesse am Erziehungswesen Israels bisher fast ausschließlich auf die Kibbuz-Erziehung konzentriert hat, jenes zwar hochinteressante Experiment kollektiv-großfamiliärer Sozialisation, das Sieh aber doch mit auf wenige Prozent der israelischen Kinder erstreckt. Eine gründliche Schilderung des israelischen Bildungswesens im ganzen gab es bisher nicht.

Die niederländische „van Leer Foundation“ hat nunmehr ihren Sitz in Jerusalem und ihre Mittel genutzt, um eine umfassende und hervorragend fundierte Gesamtdarstellung erarbeiten zu lassen. Sie ist ein Gemeinschaftswerk israelischer und internationaler Experten, die in Kolloquien miteinander gearbeitet, einander ergänzt und korrigiert, aber auch die Innen- und Außenaspekte gegeneinander stehen gelassen haben. Mit dem zweibändigen Werk „Erziehung in Israel“ ist das bisher Versäumte auf eine hervorragende Weise aufgeholt worden; ja es gibt wohl kaum ein Land, für dessen Bildungswesen eine Darstellung und Interpretation von gleicher Gründlichkeit und Vielfalt heute vorliegt.

Jede der Besonderheiten Israels schlägt sich auch in seinem Erziehungswesen nieder. Da steht an erster Stelle die jahrtausendealte jüdische Religion, die bis heute den Kernbereich der jüdischen Identität ausmacht; eine Religion, die tief in den Alltag der Menschen eingreift, die nicht auf Mission, sondern eher auf Exklusivität bedacht ist, und die von allen Gläubigen auf ein ganz bestimmtes Land, eine Ursprungs-Region, bezogen wird. In aller Vielfalt der Richtungen, die sie zwischen strenger Orthodoxie und liberalem Reformjudentum entwickelt hat, ist einer ihrer Züge unverändert wirksam geblieben, nämlich die hohe Bedeutung, die sie der Erziehung, dem Lernen von frühster Kindheit an, zumißt.

Eine zweite Besonderheit bildet die nationale Bewegung des Zionismus, die im späten 19. Jahrhundert als Produkt des europäischen Nationaldenkens, aber auch als Reaktion auf den Antisemitismus entstanden ist, und die seit etwa 100 Jahren zum Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina geführt hat. Auch der Zionismus weist eine Vielfalt von Richtungen auf, von extrem-sozialistischen bis zu national-religiösen Varianten. Und er hat sich von vornherein in hohem Maße als Erziehungs-Bewegung verstanden. Längst vor der Gründung des Staates Israel hat er einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf den Aufbau anspruchsvoller Erziehungseinrichtungen und Bildungsstätten gelegt.

Eine dritte Eigentümlichkeit liegt in der dramatischen Geschichte des jungen Staates Israel, deren Wurzeln ja nicht nur im Zionismus, sondern auch in der Hölle der Vernichtungslager und des Schicksals der Juden im Zweiten Weltkrieg liegen. Die Formen der Durchsetzung dieses Staates und des Widerstandes gegen ihn, die Feindschaft der umliegenden arabischen Staaten, die dichte Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen bis in die jüngste Zeit herein, und auch die militärische, politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA haben das Nebeneinander von hochkultiviertem, landwirtschaftlich-industriellem Musterland und waffenstarrendem Heerlager mit sich gebracht. Auch das ist ein Kennzeichen des israelischen Bildungssystems, daß alle jungen Menschen, Frauen wie Männer, zwei bis drei Jahre im Militärdienst zubringen müssen und daß diese Zeit nicht nur zur militärischen Ausbildung, sondern zur Fortsetzung der Schule, zur Förderung der hebräischen Sprache und zur technisch-beruflichen Fachbildung genutzt wird.