Holger Börner: Ein staatstragender Sozialdemokrat läßt sich auf ein ungewisses Experiment ein

Von Gerhard Spörl

„Du mußt herrschen und gewinnen / Oder dienen und verlieren, / Leiden oder triumphieren, / Amboß oder Hammer sein.“

Wiesbaden, im Juni

Diese Verse – ursprünglich ein Sinnspruch der Freimaurer – zieren eine Karikatur, die Holger Börner vorige Woche zur Wiederwahl von seinen Mitarbeitern geschenkt worden ist. Sie zeigt einen überaus verschmitzten Börner, der einen wuchtigen Hammer schwingt. In Wirklichkeit ist ihm nicht derart heiter und unbeschwert zumute. Holger Börner wäre lieber so untadelig geblieben, wie ihn auch viele Gegner zu kennen glaubten, ehe er sich mit den Grünen einließ, um nicht länger nur geschäftsführender Ministerpräsident zu sein. Aber in Hessen ging es für die SPD darum, Amboß oder Hammer zu sein: dank der mißliebigen Grünen zu regieren oder sich von FDP und CDU strangulieren zu lassen. Da hatten persönliche Skrupel, Sorge um die eigene Glaubwürdigkeit und allgemein demokratische Bedenken zurückzustehen. Börner beklagt sich nicht. Doch gerne hat er das attraktive Bild nicht zerstört, das andere sich von ihm gemacht hatten.

Das Bild von Holger Börner – das ist der typische konservative Sozialdemokrat der Godesberg-Epoche: aufrecht und anständig, besonnen und volksnah. Ein Mann ohne herausragende Starken, der Sympathie erwirbt, weil er noch mit seinen offenkundigen Schwächen humorvoll umgeht. Wie eine Lebensweisheit läßt er ein Kafka-Zitat – „Wissen Sie denn nicht, daß nur die Dicken vertrauenswürdig sind?“ – für sich sprechen. So ist er eben, so jedenfalls will er gesehen werden: dick und gemüthaft, dem Provinziellen aufgeschlossen, ein Ministerpräsident „mit langem Atem, dickem Fell und ruhiger Hand“, wie er selber sagte.

Mit diesem Bild seiner selbst fühlte sich der 53 Jahre alte Ministerpräsident durchaus wohl, und es charakterisiert ihn zum großen Teil auch treffend. Börner ist immer der Jüngere gewesen, der – sein Vater war früh im Zweiten Weltkrieg umgekommen – zeit seines Lebens einem Bedürfnis nachkommt, Ältere zu verehren. Georg-August Zinn, der Übervater hessischer Landespolitik, Fritz Erler, Erich Ollenhauer, später Willy Brandt und Herbert Wehner verdankt er Protektion und Aufstieg. Ihnen bot er sich an als rechter Mann für undankbare Aufgaben. Er war seiner Partei in schweren Zeiten (1972-1976) ein glanz- und glückloser Bundesgeschäftsführer. Papiere in hohem Ton zu verfassen, Programme zu entwerfen, alles bloß Intellektuelle ist nicht seine Welt. Börner gehört zu den gouvernementalen Sozialdemokraten, die Handfestes vorziehen und sehen wollen, wie ihr Werk wächst.