Mitten im Kalten Krieg entdeckt Peking die Entspannungspolitik und die Sozialdemokraten

Von Gunter Hofmann

Peking/Neu Delhi, im Juni

Das Wort lag mehr als einmal in der Luft, ausgesprochen hat es dann der indische Minister Tiwari beim Toast zum Dinner zu Ehren Willy Brandts. Er nannte Brandt ein "Brücken-Symbol zwischen Ost und West", das einzige, das er kenne; und einen "Weltbürger", wie Tiwari auf deutsch radebrechte. War diese Laudatio beim Essen in der deutschen Botschaft in Neu Delhi anläßlich einer kurzen Visite Willy Brandts nur Artigkeit?

Ob in Indien oder China, wo Brandt sich acht Tage lang aufhielt, ob im großen oder im kleinen Kreis, ob beim KP-Generalsekretär von Shanghai oder bei Indira Gandhi, ähnlich bekommt es Willy Brandt eigentlich von überall zu hören. Manchmal ganz offen, manchmal durch die Blume. Er genießt, nimmt man Peking und Neu Delhi zum Maßstab, eine Wertschätzung, von der man sich zu Hause nichts träumen läßt.

Stets handelt es sich um die gleichen Stichworte, mit denen er überschwenglich begrüßt, wenn nicht gefeiert wird: Willy Brandt als der Mann, der – "mit dem gleichen Feuer in den Augen wie schon vor zehn Jahren" – seinen Beitrag zum Frieden in der Welt geleistet habe und für Abrüstung kämpfe; der sich stark mache für eine neue internationale Wirtschaftsordnung und einen neue internationale Nord und Süd.

Was Indien betrifft, mag das nicht allzu überraschend sein. Die Inder haben, anders als China, in der Nord-Süd-Kommission mitgearbeitet, der Brandt-Report gilt als ein wichtiger Beitrag zum Interessenausgleich, ja als ein geschriebener, nüchterner Traum, daß nämlich endlich von den Mächtigen der Welt die These von den "wechselseitigen Interessen" zwischen Industrienationen und Dritter Welt und ihrer gegenseitigen Abhängigkeit ernstgenommen werde. Der Report, zu Hause eher bemäkelt, weil er dem Automatismus einer reinen Marktökonomie mißtraut, gilt andernorts als ein Kunststück politischer Moderation und Ausdruck des Willens, die Probleme so ernst zu nehmen wie sie sind.