Es gab einmal eine Zeit, in der die Deutschen von ihren Nachbarn (und Konkurrenten) als bin fleißiges oder arbeitswütiges Volk betrachtet wurden – je nach Einstellung. Heute genießen die Japaner diesen Ruf. Deshalb wird jetzt ihre Haltung gegenüber der Arbeit einmal als beispielhaft, ein andermal als eher abschreckend dargestellt – wiederum je nach Einstellung und Interessenlage des Beobachters.

Soweit sich Arbeitsethos und Zufriedenheit mit der beruflichen Aufgabe aus Umfragen herauslesen lassen, scheint zwischen der Haltung der Deutschen und der Japaner heute tatsächlich ein großer Unterschied zu bestehen. Denn während immer noch 28 Prozent der erwerbstätigen Japaner nach den Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage „in der Arbeit“ den Sinn des Lebens sehen, hat sich bei den Deutschen die Einstellung im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre stark gewandelt. 1962 bezeichneten noch 58 Prozent aller Berufstätigen die Stunden am Arbeitsplatz ab die Zeit des Tages, die ihnen am liebsten ist; Ende der siebziger Jahre waren nur noch 46 Prozent dieser Auffassung.

Sehr deutlich sind auch die Unterschiede, wenn danach gefragt wird, mit welcher Hingabe die Arbeitsaufgaben erledigt werden. In Japan sind immerhin 36 Prozent der Erwerbstätigen bereit, zum Wohle des Unternehmens sogar persönliche Opfer zu bringen, bei den Männern sind es sogar 42 Prozent.

Sehr typisch ist dabei die mit steigendem Lebensalter zunächst wachsende Zustimmung zu dieser Frage. Je größer das Zugehörigkeitsgefühl zur „Firmenfamilie“ wird, desto eher sind die Mitarbeiter zum vollen Einsatz bereit. Die geringere Bereitschaft zu persönlichen Opfern in der Altersgruppe von 60 bis 64 Jahren steht dazu nur in scheinbarem Widerspruch. Da die „lebenslange“ Beschäftigung in japanischen Unternehmen traditionell mit 55 Jahren und auch heute noch spätestens mit dem sechzigsten Lebensjahr endet, üben die Älteren meist nur noch Tätigkeiten mit einem geringeren sozialen Status und schlechterer Bezahlung aus – oft sogar in fremden Firmen. Daß unter diesen Umständen die Einsatzbereitschaft abnimmt, ist nicht so erstaunlich.

Als bei einer internationalen Umfrage das Institut für Demoskopie in Allensbach von berufstätigen Bundesbürgern wissen wollte, ob ihnen der Beruf so wichtig sei, daß sie ihm vieles opferten, stimmten dieser Formulierung sogar 43 Prozent zu und nur 40 Prozent sagten, „so wichtig ist mir der Beruf auch wieder nicht“. Allerdings sind diese Antworten nicht ganz vergleichbar: In Japan wurde nach der Bereitschaft gefragt, dem Unternehmen persönliche Opfer zu bringen; in Deutschland ging es darum, ob man dem eigenen Beruf vieles opfere.

Bei der Frage, ob sie bereit seien, immer ihr Bestes zu geben – und zwar unabhängig von der Bezahlung – äußerten sich die befragten Bundesbürger denn auch erheblich zurückhaltender. Nur 26 Prozent bejahten diese Frage; 44 Prozent dagegen: „Ich finde meine Arbeit interessant, aber ich lasse es nicht soweit kommen, daß sie mein übriges Leben stört.“ Und der Satz: „Wenn ich nicht müßte, würde ich nicht arbeiten“, wurde immerhin von 15 Prozent als zutreffend bezeichnet.

Daß die Japaner eine andere Einstellung zu ihrer Arbeit und zu ihrem Unternehmen haben, liegt sicherlich nicht zuletzt auch daran, daß sie mit ihrer Tätigkeit sehr zufrieden sind – und zwar mit deutlich steigender Tendenz. Allein zwischen 1974 und 1982 hat die Zahl derjenigen, die keinen Grund zu Klagen sehen, von 70 auf 79 Prozent zugenommen. Die Gruppe der sehr Zufriedenen ist sogar um fast ein Drittel gewachsen.

Dies ist nicht zuletzt ein Erfolg der japanischen Manager, die es offenbar besser als ihre deutschen Kollegen verstehen, die Mitarbeiter zu motivieren und rar ein gutes Betriebsklima zu sorgen. Deutsche Unternehmer, die ihren Mitarbeitern gern die Tugenden ihrer fernöstlichen Kollegen vor Augen halten, sollten sich deswegen gelegentlich fragen, ob es nicht auch an ihrem Führungsstil liegen könnte, wenn in der Bundesrepublik nicht (mehr) mit dem gleichen Engagement gearbeitet wird wie in Japan. Michael Jungblut