Vom ersten Satz an bis zu seinem letzten, in dem jeweils die Nacht erscheint, als satz- und zeitbestimmendes Element, als verfügendes Subjekt, betreibt dieses Gedicht entschieden eine Veränderung der Realität: es surrealisiert eine poetische Vorstellung, der fremd geworden ist unsere vertraute Vorstellung von konkret erfahrbarer Realität. Die Nacht stiftet alles Geschehen an, die Nacht dort, wo einst der Surrealismus seine Hauptstadt hatte, in Paris; aber den Ort, die Steinblütenstadt, ernennt dieses Gedicht zu einem Bereich der Imagination, der autonom ist, in dem die Vorgänge ihren sehr eigenen logischen Zusammenhang herstellen. Ein Zusammenhang ebenso schlüssiger wie offener Beziehungen: also, auch, noch immer: die jeweils folgenden Satzgruppen vermitteln Vorgänge, die nicht übersetzbar sind in gewohnte Mitteilungsweisen. Statt dessen erscheinen sie in Bildern, deren Qualität das Überraschende wie das Selbstverständliche ist; in Bildern, die ganz selbstverständlich zeigen, was gemeinhin nicht geschieht. Den Protest gegen solche Hexerei kennt und formuliert das Gedicht selber: vergittern, verschütten, säubern – solchen Maßnahmen indessen antwortet es auch mit dem entwaffnenden Hinweis auf die eigene Möglichkeit, nämlich daß Dunkelheit, die Dunkelheit des Gedichts, die Wörter, die Rätsel befreie. So widerspricht dieses Gedicht unserem täglichen Verständigungsgesetz, das der Sprache die Phantasie und der Phantasie die Sprache ausgetrieben hat; so dringt ins Musterhaus der Wirklichkeit die Wirklichkeit der Bilder ein, wie sie allein der radikale poetische Akt entwirft. Monica Adolph, indem sie nun sich einläßt mit den Abenteuern des Schreibens, mutet den Wörtern gleich die äußerste Anstrengung zu: Erfahrungen und Imaginationen zum Sprechen zu bringen, die ohne sie, die Wörter, versteinert oder noch gar nicht lebendig sind.

Jürgen Becker

Monka Adolph lebt in Köln; dort wurde sie 1949 geboren. Das hier vorgestellte Gedicht ist ihre erste Veröffenttichartg.