Botha und sein gleichnamiger Außenminister wurden mit allen äußeren Zeichen der Distanz empfangen. In Bonn verzichtete Helmut Kohl auf den üblichen Händedruck und das Lächeln vor den Fernsehkameras; das Publikum sah dafür, wie das Besuchersofa aus dem Empfangsraum des Kanzlers entfernt wurde. Das ersparte der Bundesregierung nicht den Tadel der Opposition: Sozialdemokraten, Grüne und kirchliche Gruppen werfen der Bundesregierung vor, mit der Einladung Bothas den Apartheid-Staat unverdientermaßen international aufzuwerten. Der SPD-Abgeordnete Günter Verheugen, einstmals Genschers Adlatus als FDP-Generalsekretär, bezeichnete Bothas Rundreise durch Westeuropa als Versuch, ein unverdientes Honorar für die Abkommen mit Moçambique und Angola einzustreichen, die doch nichts weiter seien als von den schwarzen Regierungen erpreßte Sicherungen der weisen Vorherrschaft im Süden Afrikas.

Peinlicher als die Kritik der Opposition mag die Regierung Bothas Angebot berührt haben: Der Südafrikaner erklärte sich bereit, aus Namibia abzuziehen, wenn ein westlicher Staat die Verwaltung und Finanzierung des früheren Völkerbund-Mandatsgebietes übernähme. Außenminister Pik Botha bestätigte, Pretoria habe die Offerte nicht nur der Bundesregierung gemacht, sondern auch den vier übrigen Mitgliedern der Kontaktgruppe zur Lösung der Namibia-Frage: den Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich und Großbritannien. Die Absicht ist deutlich: Nach der Ablehnung des Angebots – wer will sich schon als neue Kolonialmacht auf Zeit in Afrika etablieren? – könnte Pretoria immer wieder auf das mangelnde Engagement der westlichen Staaten verweisen, die Südafrika geradezu zwänge, das Machtvakuum in Namibia gegen die Kubaner in Angola zu verteidigen.

Erst nach den frostigen Begegnungen Bothas mit Margaret Thatcher und Kohl wurde das südafrikanische Angebot bekannt. Botha verriet seine Pläne in Berlin, wo ihn zuvor der Regierende Bürgermeister Diepgen im Flughafengebäude abgefertigt und Innensenator Lummer im Schöneberger Rathaus bewirtet hatte.

Im Bonner Außenministerium sprach man darauf von „Propaganda“ und einem schlechten Scherz. Die Herrschaft über Afrikas Südwesten will Bonn gewiß nicht übernehmen – das weiß auch Botha. Mit seinem Angebot und der Indiskretion in Berlin verfolgen die Südafrikaner offenbar ihre seit Monaten deutliche Linie in der Namibia-Politik: Sie wollen die frühere deutsche Kolonie, die mehr Geld kostet, als sie einbringt, räumen, aber zu ihren Bedingungen: Erst nach einen Abzug der Kubaner aus Angola, ohne Einschaltung der Vereinten Nationen und unter der Garantie, daß auch eine unabhängige Regierung in Windhoek unter ihrer politischen und wirtschaftlichen Kontrolle bleibt.

Un das zu erreichen, brauchen sie ein Maß amerikanischer Unterstützung, das sie erst nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl im November für erreichbar halten. Bis dahin verzögert Pretoria das Spiel um Namibia: Der erste Schritt war die Konferenz mit den innernamibischen Parteien und der Befreiungsbewegung Swapo in der sambischen Hauptstadt Lusaka, die Mitte Mai scheiterte; der zweite Schritt ist Bothas Angebot an die Staaten der Kontaktgruppe.

Hans Jakob Ginsburg