Nationalökonomologie. Hrsg. von Orestes V. Trebeis. Übersetzungen aus dem Englischen von Arnulf Krais. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1983,203 Seiten, 25 DM.

Die Nationalökonomie ist für viele so dürr und trocken wie eine kahle Cholla in der Wüste von Kakutania, ausgedörrt auf das karge Gerippe mathematischer Formeln und ohne einen Schutt Humor. Bereits in ihren Kinderjahren begannen die Ökonomen mit sauertöpfischer Miene und den Prognosen von Malthus und Mill als dismal science, als Wissenschaft der Trübsinnigkeit; und in langen Wellen versprechen sie in Neuauflagen von Grusicals frankensteinscher oder transsylvanischer Dimension das Ende der Welt... Nein, ganz so griesgrämig und trocken, wie es gleich auf der ersten Seite dieses sowohl ernst als auch nicht ernst gemeinten Buches zu lesen ist, sind die Ökonomen wohl nicht; aber zweifellos mangelt es ihnen, im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen, an Witz und damit, weil Lachen vieles auf das Menschlich-allzu-Menschliche reduziert und eine Relativierung von Hierarchien und Rollen erlaubt, an Humanität.

Wenn auch nicht jeder der Logik dieser wiederum sowohl ernst als auch nicht ernst gemeinten Gedankengänge folgen wird, so bleibt doch das Unternehmen selbst lobenswert, nämlich in einem hübsch aufgemachten Bändchen von zweihundert Seiten Essays, Stories und Limericks zusammenzustellen, die über die nationalen Grenzen hinweg in Zeitungen, Zeitschriften und anderenorts erschienen und in der Absicht geschrieben sind, den Schatten der wirtschaftswissenschaftlichen Nüchternheit zu überspringen und in das Land des ökonomischen Lächelns vorzustoßen.

Der Leser wird bekannt gemacht mit den neuesten Entwicklungen der Wirtschaftswissenschaft, etwa mit Theorien, die sich mit der Ökonomik und Opportunität des Zähneputzens, der Korruption, des Schlafens, des Heiratens befassen, und kommt neben vielem anderen ökonomisch Wissenswerten auch in den Genuß einer „Ersten Lektion in Ökonometrie“, jenem progressiven Wurmfortsatz der Ökonomie also, dessen Ehrgeiz es ist, selbst die einfachsten und selbstverständlichsten Fakten des wirtschaftlichen Alltags solange durch die Mühle mathematischer Gleichungen zu drehen, bis sie nur noch dem ökonometrischen Fachmann erkennbar sind.

Besonderes Interesse dürften auch die „Regeln für den Erfolg von Diskussionsrednern“ finden. Sie fassen für diejenigen, die häufig in die Situation kommen, etwas zu einem wirtschaftswissenschaftlichen Vortrag sagen zu müssen, systematisch die Techniken zusammen, die es auch einem Debattenredner, der relativ wenig von der zur Debatte stehenden Sache versteht, gestatten, sich vor den Fachkollegen auszuzeichnen.

Hübsch gemacht und als Entspannungslektüre allen denen zu empfehlen, die als Praktiker und Theoretiker mit der Wirtschaft zu tun haben und über der Misere des gegenwärtigen wirtschaftlichen Alltags das Lachen noch nicht verlernt haben. Unter den Autoren des Bändchens überwiesen die Angloamerikaner, denen das lockere Schreiben offenbar mehr liegt als den deutschzüneigen Wirtschaftswissenschaftlern, bei denen ein Lacher auf einer Tagung bereits Zweifel an der Ernsthaftigkeit eines Vortrages aufkommen läßt. So ist es denn auch bezeichnend, daß von den in dem Buch nachgedruckten Beiträgen aus deutscher Feder das lustigste Stück, der „Kurze Abriß der Nationalökonomie“, nicht von einem Ökonomen, sondern von dem ausgesprochenen Nicht-Ökonomen Kurt Tucholsky stammt. Kurzfassung des Kurzbeitrages: „Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben ... Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da.“

Das trifft den nationalökonomischen Nagel an der empfindlichsten Stelle genau auf den Kopf. Das ist ökonomische Weisheit, das ist der Logos der Ökonomie, das ist – siehe den Titel des Buches – Nationalökonomologie.

Wolfgang Krüger