Von Helga Fußgänger

Durch die offenen Türen jedes Hauses fliegen Feuerfunken hinaus, und es erschallen die Hammerschläge – eine wahre Zyklopensiedlung. Wenn der Feuergott Vulkan noch lebte und Gabrovo kennte, hätte er es zu seiner Residenz gewählt.“ So beschrieb ein Besucher Anfang des vorigen Jahrhunderts das emsige Handwerkerstädtchen Gabrovo, das an den nördlichen Balkanhängen mitten in Bulgarien liegt.

Dieses Gabrovo ist Historie. Aber acht Kilometer südlich der Stadt hat man das „Ethnographische Freilichtmuseum Etera“ gebaut. Und da hämmern und klopfen, gerben und schnitzen, weben und backen auf einer sieben Hektar großen Fläche die Nachfahren jener Zyklopensiedler.

Alles ist so, hört man von der bulgarischen Begleitung, wie es auch früher in der Gabrovoer Gegend war. In den gemütlichen originalen oder wiederhergestellten Holzhäusern mit Veranden und Erkern, vorspringenden Dächern und Holzgeländern wohnen Eisenschmiede und Kupferstecher, Töpfer, Kürschner, Pantoffelmacher und Messerschleifer.

Bulgarien ist weit interessanter, als es sich die sonnensüchtigen Urlauber am Schwarzen Meer vorstellen können. Wer in Sofia allerdings am falschen Tag ankommt, und das sind der Montag und der Dienstag, der findet so gut wie alle wichtigen Museen geschlossen. Damit ist er vom Schönsten ausgesperrt. Er sollte also am richtigen Tag kommen und genug Zeit einplanen, um auch die Ikonensammlung in der Krypta der Alexander-Newski-Kirche zu besuchen. Dort zeigen erst die Madonnen aus dem 18. und 19. Jahrhundert den Anflug eines Lächelns, jene aus früherer Zeit schauen ernst oder traurig, mißmutig oder skeptisch.

Das rund hundert Kilometer von Sofia entfernt liegende Rila-Kloster nicht besucht zu haben, ist weit mehr als eine nur läßliche Sünde. Man hat nicht nur großartige Holzschnitzereien, sondern das bulgarische Nationalheiligtum schlechthin versäumt. Das im 10. Jahrhundert gegründete Kloster liegt in einem von Kiefern- und Buchenwäldern umrauschten Tal und ist ein Denkmal bulgarischer Architektur, Kultur und Kunst. Hinter Mauern, die zwei Meter dick und 24 Meter hoch sind, verstecken sich wunderbare Fresken, ein historisches und ethnographisches Museum, eine Klosterbibliothek mit 20 000 Büchern und kostbaren Handschriften sowie ein geschnitztes Hölzkreuz, an dem der Mönch Rafail zwölf Jahre lang gearbeitet und 1500 winzige Figuren für 140 Bibelszenen aus dem Lindenholz herausgearbeitet hat.

Gut tausend Jahre bevor Klostergründer Ivan Rilski sich in die Einsamkeit zurückzog war Plovdiv – heute von 270 000 Menschen bewohnt – schon thrakische Siedlung. Inzwischen ist es die zweitgröße Stadt Bulgariens und nicht nur internationaler Messeplatz, Zentrum der Agrarwirtschaft und Leichtindustrie, sondern auch kultureller Mittelpunkt. Die schöne Altstadt muß man hügelauf, hügelab erwandern. Und stößt dabei unweigerlich auf das bemalte, weißgrüne Holzhaus eines reichen Bürgers, das heute Museum ist.