Wer sich mit dem Leben und Treiben in der olympischen Großfamilie Zeus (und ihrem ausgedehnten Bekanntenkreis) ein bißchen auskennt, wird auf alte Bekannte treffen, die sich gelegentlich allerdings in ungewohnter Gestalt präsentieren. Wenn italienische Künstler der Gegenwart zeigen, was sie im mythologischen Fundus so alles entdeckt haben und wie sie das antike Personal modern drapieren, dann muß man sich schon auf Begegnungen der befremdlichen Art gefaßt machen: Da wird der Kentaur Nessus (jener, der unvorsichtigerweise mit der Frau des Herakles anzubandeln versuchte) zu einem Mischwesen aus Reiterdenkmal und Sternbild; eine Szene aus dem Eheleben von Vulkan und Venus entpuppt sich als ein Puzzle, zu dessen Auflösung man das Gemälde eines weniger berühmten Renaissancemalers braucht; und eine Arbeit, die aus einem hohen Eisensockel besteht, auf dem das Fragment des Gipsabgusses eines antiken Frauenkopfes liegt, aus dessen Ohr eine Flamme hervorleuchtet, trägt den Titel: "Traum des Orpheus".

Der Titel, den Jannis Kounellis, der in Rom lebende Grieche, für sein Monument zu Ehren des mythischen Sängers gefunden hat, ist auch der der Ausstellung in der Münchner Städtischen Galerie im Lenbachhaus, in der Helmut Friedel eine Reihe von Künstlern vorführt, die sich in ihrem Werk mit mythologischen Themen beschäftigen. Ob es sich dabei um einen mehr spielerischen, aber mit dem Vorwissen des Betrachters rechnenden Umgang mit den Vorlagen handelt (wie bei Giulio Paolinis "Nessus"), um eine eher verschlüsselte Botschaft, deren Bedeutung nicht aus den bekannten mythologischen Zusammenhängen abzuleiten ist (so ist Claudio Parmiggianis "Vulkan und Venus" keine Szene aus dem Familienleben der Götter, sondern eine Huldigung an die Musik) oder um die poetische Evokation eines Mythos, dessen dauernde Präsenz vorausgesetzt wird (das gilt für Kounellis’ "Orpheus") – stets bleibt die künstlerische Absicht an eine Form der Darstellung gebunden, die das mit der Neu- und Umdeutung Gemeinte sinnlich erfahrbar macht.

Bei den Italienern fehlt jenes gelegentlich aufdringliche Raunen, das die Arbeiten ihrer deutschen Kollegen kennzeichnet, die sich mit Hilfe von Mythen an der Seinsfrage entlanghangeln. Auch hier ist der Sinn mitunter dunkel, nur ist das Dunkle klar formuliert. Selbst wenn offen bleibt, welches Assoziationsraster dem Environment von Vettor Pisani zugrundeliegt, das er mit einigen seiner Arbeiten errichtet hat, wenn die Quer- und Rückverweise, von seinem Theater des Imaginären zur thebanischen Sphinx und vom Kopf der Juno zu einer Malerpalette, den Betrachter eher verwirren, so wird doch deutlich, daß die Irritation ein Teil seiner ästhetischen Strategie ist und auch, bei wem er das gelernt hat, bei Giorgio de Chirico nämlich, der überhaupt in der Ausstellung herumspukt.

Der Metaphysiker de Chirico ist nicht die einzige Vaterfigur der Moderne, der für die Künstler auch schon zum Mythos geworden ist; eine andere, Marcel Duchamp, wirft gleichfalls ihren Schatten. Einmal sogar ganz wörtlich: Luciano Bartolini hat auf eine Glasplatte mit Sprüngen seine Silhouette geklebt, und wenn nun aus einem bestimmten Winkel Licht auf die in den Raum hineinragende Platte fällt, dann entsteht an der Wand ein Schattenbild, in dem die Silhouette den Umriß einer der Formen von Duchamps "Großem Glas" annimmt. Ein Gag vielleicht, aber auch ein Hinweis darauf, wie man aus der Wirklichkeit ein imaginäres Bild herausfiltert.

Nun sind das alles imaginäre Bilder, solange sich die Arbeiten auf Erinnertes beziehen, das ohne den ursprünglich dazugehörigen Erfahrungshorizont zitiert wird. Sie erhalten aber in dem Augenblick Plausibilität, in dem Vergegenwärtigung sich verbindet mit Gegenwartsbezügen. Zu Michelangelo Pistolettos Spiegeln (vor einem steht ein in Zement gegossener Etrusker, die Hand zum Gruß erhoben, auf einem anderen ist das lebensgroße Bild einer Frau fixiert) fällt einem allenfalls Rilke ein ("Ihr, wie mit lauter Löchern von Sieben / erfüllten Zwischenräume der Zeit"), doch das ist beide Male nur ein ästhetisches Erlebnis, nicht, wie behauptet, eine existenzielle Erfahrung. Das ist anders bei seinem "Haupt der Medusa": Von diesem archaischen Kopf, halb keltisch, halb ozeanisch, dessen weitausladende Haartracht auch als Dornenkrone deutbar ist, geht etwas dumpf Bedrohliches aus – hier ist mit einem Versatzstück der Mythologie ein Bezug zur heutigen Wirklichkeit hergestellt.

Mitunter verstecken sich mythologische Anspielungen hinter solchen auf die Kunst. Giuseppe Spagnulos Terracotta "Baum" verweist mit ihren kreisenden Formen auf die Verwandlung der Daphne, die von Apoll verfolgte Nymphe tritt dabei aber eher als Jugendstil-Tänzerin auf. Diese Spiegelung des mythischen Geschehens in vorgefundenen Formen der Kunst erinnert zwar etwas an den Schauspieler, der seine Rolle verwechselt hat, aber warum nicht. (Bis zum 1. Juli, Katalog 28 Mark) Helmut Schneider