Von Günter Haaf

Dioxin, die Schreckenschemikalie des ausgehenden 20. Jahrhunderts, kommt nicht aus den Schlagzeilen. Anfang nächster Woche könnte, das Ultragift - exakte Bezeichnung: 2,3,7,8-TCDD – ein neues, bislang sehr widerstandsfähiges Opfer fordern: eine Fabrikationsanlage, in der es anfällt. Der Firma Boehringer Ingelheim droht die Schließung ihres Werkes in Hamburg-Moprfleet.

Zwei Ereignisse haben die Lage zugespitzt. Vorletzte Woche erschreckte ein Bericht des Fernsehmagazins Monitor vor allem Schwangere im Osten Hamburgs: dort sei ein Anstieg schwerster Mißbildungen bei Neugeborenen zu verzeichnen, die womöglich auf Dioxin-Ausdünstungen des Moorfleeter Boehringer-Werks zurückgingen. In der vorigen Woche stellte der Hamburger Umweltsenator Wolfgang Curilla der Betriebsleitung des Unternehmens ein Ultimatum: Sollte die Firma nicht bis zum 18. Juni den Nachweis erbringen, daß die Abfallprodukte aus der Herstellung des Insektengiftbestandteils HCH weitestgehend dioxinfrei sind, werde die Anlage geschlossen. Es wäre das erstemal in der Bundesrepublik, daß ein namhaftes Unternehmen aus Gründen des Umweltschutzes dichtmachen muß.

Curilla blieb keine andere Wahl. Eine von seiner Behörde angeordnete Analyse des Zersetzerproduktes aus der HCH-Herstellung hatte erschreckend hohe Dioxin-Werte ergeben – pro Kilogramm Abfall 500 Mikrogramm 2,3,7,8-TCDD, zehnmal mehr als in der Sickerflüssigkeit aus dem skandalträchtigen Müllberg im nahen Hamburg-Georgswerder. Von der weniger giftigen Dioxin-Sorte OCDD wurden gar 32 Gramm pro Kilogramm gemessen. Dioxinhaltige Abfälle aber dürfen nach einer Länderverordnung nicht mehr transportiert werden.

Ob Boehringer gewußt hat, was da im Müll steckt, oder ob die Firma ahnungslos war, konnte nicht den Ausschlag geben. Nach all den bisherigen Vorfällen mußte Curilla ein Exempel statuieren – nicht nur der chemischen Werte, sondern vor allem der politischen Folgen wegen. Umweltvergiftungen sind kein Kavaliersdelikt. Der "Stand der Technik" darf nicht dem Stand der Bequemlichkeit entsprechen.

Schon vor drei Jahrzehnten waren nach Unfällen im Boehringer-Werk 31 Arbeiter an Chlor-Akne erkrankt, war der Zusammenhang zwischen TCDD und der Hautkrankheit erkannt worden. Im Jahre 1973 wurde in Vietnam erstmals auf den Zusammenhang zwischen Dioxin – einem Bestandteil des amerikanischen Entlaubungsmittels Agent Orange – und dem vermehrten Vorkommen von Leberkrebs, Frühgeburten und Mißbildungen hingewiesen. Dann kam es 1976 im italienischen Seveso zum bislang schwersten Dioxin-Unfall, bei dem mehr als zwei Kilogramm des Ultragiftes über ein dicht besiedeltes Gebiet niedergingen. 1983 entdeckte Curillas Behörde beträchtliche Dioxin-Mengen im Sickerwasser der Deponie Hamburg-Georgswerder, höchstwahrscheinlich Ausflüsse von Boehringer-Abfällen. Und Anfang dieses Jahres ergaben Messungen auf dem Moorfleeter werksgelände TCDD-Konzentrationen, die wesentlich über jenen in der "Zone A" von Seveso lagen.

Argumente für politisches Handeln nach dem Grundsatz "im Zweifel für die Gesundheit" gab es also längst genug. Eine Erklärung für das Zögern der Obrigkeit gab letzte Woche Ulrich Klose, von 1974 bis 1981 Erster Bürgermeister Hamburgs: "Wir hatten damals zum Thema Dioxin kein Problembewußtsein. Dieser Mangel an Problembewußtsein kommt nicht von ungefähr in einer Gesellschaft, die solide Fachkenntnis in puncto Umweltverschmutzung gepaart mit kritischem Urteil und Zivilcourage lange für Hirngespinste hielt.