In Venedig scheint die Sonne. Jenseits des Canale San Marco liegt San Giorgio Maggiore, eine der beiden großen Kirchen, die Andrea Palladio für diese Stadt entworfen hat. Genau über dem Campanile schwebt der Satz, der als Aufkleber das Fenster des Hotelzimmers verziert: "This is an air-conditioned room, please keep the windows closed." Das klingt so ähnlich wie die Mitteilung, die Colette an ihre Arbeit im Hauptpavillon der Biennale geheftet hat: "Art on stage – not finished because of technicians."

Die 41. Kunst-Biennale, die an Pfingsten in Venedig eröffnet wurde, steht thematisch unter dem Motto "Kunst und Künste" und optisch-astronomisch im Zeichen von Sonne und Mond. Die Frage jedoch, welches der beiden Gestirne welchem Begriff zugeordnet sein soll, hebt sich auf in einer barock formulierten Proklamation der Veranstalter, in welcher der Mond (der ja nur im Deutschen männlichen Geschlechts ist) der weiblich-mobilen, grenzüberschreitenden Kreativität zugeordnet und deshalb der Sonderschau "Kunst, Umwelt, Bühne" appliziert wird, wohingegen die "Kunst im Spiegel", das andere große Sonderschau-Tnema, über dem männlich-festen Sonnensymbol angesiedelt wird. Daß bei "Kunst, Umwelt, Bühne" zahlreiche Künstlerinnen dabei sind, "Kunst im Spiegel" sich aber als ein Reservat der Männlichkeit entpuppt, ist eine charmante Pointe dieses italienischen Hommage an die Gleichberechtigung. Und wie die Frage der Geschlechter, so wird auch die Frage der nationalen Priorität so souverän wie eindeutig gelöst: in den Giardini, dem grünen Hauptveranstaltungsgarten der Biennale, stehen zwei große, aus Holz beziehungsweise Glas collagierte Köpfe von Mario Ceroli, "Vanitas" genannt, sowie eine riesige, hausartige, "Theater" betitelte Eisenskulptur von Alberto Borri. Auf der Halbinsel Giudecca, in den letzten Jahren immer ein die Giardini ergänzender Ausstellungsplatz (der in diesem Jahr nicht genutzt wird) steht zwischen verfallenden Fabrikgebäuden immer noch Borris letzter Biennale-Beitrag im grünen Gras, in nicht minder großem Format.

"Kunst, Umwelt, Bühne". Die Ausstellung beginnt mit zwei schönen Installationen: auf der eine Seite Dorothee von Windheims "Venedig 84": gluckerndes Wasser vom Tonband und ein Photobuch, auf dessen Seiten der Untergang der Bücher im venezianischen Wasser zu sehen ist; auf der anderen Seite Klaus vom Bruchs "Pas de deux" mit zwei in unterschiedlicher Höhe montierten Fernsehern, die ein versetztes Zwiegespräch halten. Aber wenn in den folgenden Räumen dann außer einigem Videoflimmern und ein paar schön-bunten Gruselkabinetten nicht mehr viel kommt, dann fragt man sich doch, warum eigentlich Wolf Vostell fehlt und Nam June Paik (der mit Video nicht nur Kunststücke, sondern auch Kunstwerke macht), und wo schließlich Allan Kaprow ist, der mit dem Happening die Bühne des Alltagslebens entdeckte und für spontan-kunstvolle Inszenierungen nutzte.

In Venedig haben einige Inspirierte dafür etwas anderes entdeckt: daß Sonne und Mond zu Maskenspiel und Rollentausch auffordern. So taucht Rudi Fuchs, der letzte Documenta-Direktor, neben den Künstlern Boren, Fabro, Kirkeby, Kounellis und Weiner als Textdichter im Programmheft der Theatergruppe von Carlo Quartucci und Carla Tatò auf. Und Hans Hollein, erfolgreicher Museumsarchitekt in Deutschland und seit Jahren Kommissar des österreichischen Pavillons, ist in der Hauptausstellung mit dem Environment "Das Abendland" vertreten. Wann endlich wird Willi Bongard als Joseph Beuys auftreten?

Auch "Kunst im Spiegel", womit hier "Kunst nach Kunst" gemeint ist, setzt überzeugend ein und gibt mit Duchamps schnurrbärtiger Mona Lisa und Man Rays verschnürter "Venus Restaurata" hervorragende Beispiele für einen intelligent-befreienden Umgang mit der Vergangenheit. Diese Vergangenheit erforschen und benutzen, jeder auf seine Art, auch Picasso und de Chirico, und Renato Guttuso wiederum setzt dann Picasso und de Chirico in eine Bild-Landschaft der Kunst-Zitate. Aber bei Guttuso fällt bereits eine Art name-dropping auf, wird schon eine Fixigkeit im Zitieren sichtbar, die in der nächsten Generation in der leeren Geste einerseits, im unverhohlenen Doppelgängertum andererseits endet. Wenn Athos Ongaro zum Beispiel einen Marmorbrunnen mit Putto und Halbgott meißelt, in dem wirkliches Wasser plätschert, dann sollte diese Koketterie privat bleiben. Und wenn Künstler wie Chia und Kiefer, beide bei Leben und Gesundheit, bereits ihre Nachahmer finden, dann muß man hoffen, daß diese dreiste Spekulation auf gute Geschäfte nicht aufgeht.

Daß Kunst Spiegel und Echo sein kann auch jenseits von Ästhetik oder Narziß und Doppelgänger, wird im deutschen Pavillon in einer perfekten Inszenierung vorgeführt. An den Wänden die mit schwarzen Zeichen, Kürzeln und Strichmännchen oder auch farbigen Sätzen, Wörtern und Signalen dichtgefüllten Leinwände von A. R. Penck, Pictogramme zwischen Höhlenmalerei und Großstadtgraffiti, archaisch und banal. Am Fußboden eine Arbeit von Lothar Baumgarten, der in großen, dunklen, feinziselierten Lettern die Wörter America und Amazonas, Orinoco, Tapajos, Xingu, Vaupes, Tocantins und Purus ausgelegt hat. Neben diesen Flußnamen sind aus einem anderen Marmor noch formelhafte Zeichen für die Tiere Jaguar, Schildkröte, Kaiman und Adler in den Boden eingelassen. Was auf Pencks beredten Bildern zu lesen ist, bleibt anarchisch, offen und vieldeutig. Was Baumgarten mit seinem an eine große Grab- oder Gedenkstätte erinnernden Bodenwerk vortragen möchte, ist pathetisch und eindeutig. Lothar Baumgarten hat am Orinoco mit den Indianern gelebt, und er ist voller ehrenwerter Scham über europäisches Vandalentum. Aber wenn man im preziös aufgemachten Katalog seine selbstverfaßten Tiermärchen in indianischer Manier liest, dann weiß man endgültig, warum ein Wissenschaftler und Ethnologe, Franz Boas, mit seinen Studien, aus denen die Indianer Gewinn und Erkenntnis zogen, das größere Kunststück vollbracht hat.

Masken, Mythen, Märchen, Moden: auf der Biennale geht das alles reibungslos durcheinander, und selbst die DDR stellt ihre freisinnige Auswahl meist bekannter Namen unter das Motto "Die Aktualität der Mythen". Mancher Mythos jedoch steht plötzlich etwas nackt da, wie etwa Jean Dubuffet, der im französischen Pavillon "art brut" als heitere Meterware anbietet. Und ein anderer gewinnt erneut alte Konturen, Emile Vedova, dessen mit Ecken und Kanten in den Raum gespreizte, aggressive Bilder zeigen, warum Kunst es nicht nötig hat, als Illustration oder Sekundärliteratur zu dienen, als Paravent oder Prêt-à-porter zu firmieren.

Petra Kipphoff