Auf dem Marktplatz in Markgröningen herrschen italienische Verhältnisse: Die hübschen Fachwerkhäuser sind zwar schwäbisch, die Sprache aber, die Stimmung und die Menschen erinnern an den Urlaub in südlicheren Gefilden; das „Grüß Gott“ mußte dem Buon Giorno weichen. Im Gasthaus Bären gibt es Streikgeld für die Arbeiter von Mahle – und die Gastarbeiter aus Italien, Portugal und Griechenlandsind eindeutig in der Mehrheit.

Italienisch ist auch das Klima an diesem Morgen. Die Sonne scheint, allerdings nur bis zum Beginn der Kundgebung der IG Metall, da fängt es dann pünktlich an zu nieseln. Der guten Laune schadet das allerdings nichts. Sie wird eher noch besser, als die Gruppe „Contrapunkt“ La Lega, ein italienisches Gewerkschaftslied, anstimmt.

Gut ist auch die Laune im Streiklokal, die Arbeiter holen sich ihre Unterstützung ab, rund 900 Mark für drei Wochen. Jeder hat vorher ausgerechnet, wieviel ihm zusteht, keiner klagt, daß er jetzt mit vier- bis sechshundert Mark im Monat weniger auskommen muß. „Ganz wenige ausländische Kollegen, die Geld an die Familien in der Heimat überweisen wollen, sind unzufrieden“, berichtet Hermann Jahke, Mahle-Betriebsrat und Streikleiter in Markgröningen.

„Alle sechs Jahre sollten wir streiken“, scherzt ein Schichtarbeiter, „dann zahlt uns die Gewerkschaft gerade den Beitrag zurück.“ Besonders clevere Mahle-Arbeiter machen diesmal einen Gewinn: Sie zahlten seit November überhöhte Beiträge – ihr Streikgeld liegt jetzt über dem früheren Lohn.

Die streikenden Kollegen des Mahle-Hauptwerkes in Stuttgart-Bad Cannstatt sind nur mit dem Wetter unzufrieden. „Ich könnte jetzt endlich in meinem Garten arbeiten, aber dann darf es nicht regnen“, brummt ein Werkzeugmacher im Streiklokal am Neckar. 600 Mark fernen ihm, aber „einschränken muß ich mich deswegen noch nicht“. Die Differenz zwischen Streikgeld und dem üblichen Monatslohn kann er aus den Ersparnissen decken, „und das noch monatelang“.

Die Konten der meisten Mahle-Arbeiter sind nicht zuletzt deshalb gut gefüllt, weil der schwäbische Kolbenhersteller in diesem Jahr alle Sonderzahlungen – Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld und einen normalerweise im Juni fälligen Bonus – bereits im Februar überwiesen hat. Zahlreiche Firmen haben auf diese Weise neue Bonner Gesetze unterlaufen und Sozialabgaben gespart. Die Mahle-Beschäftigten zahlen so 400 bis 1000 Mark weniger an die Renten- und Krankenkassen – etwa soviel, wie sie auch der erste Streikmonat gekostet hat.

Im Februar aber, als dieser Geldsegen auf die Konten floß, rechneten die streikerfahrenen Metaller in Nordwürttemberg/Nordbaden schon mit einem Ausstand. Die meisten haben also damals vorsichtshalber einiges zurückgelegt.