Deutschlands Kabarettisten haben eine ernsthafte Konkurrenz bekommen: Was die Tarifparteien in den letzten Wochen bei ihren Verhandlungen in Stuttgart geboten haben, ist selbst von professionellen Komikern kaum noch zu übertreffen.

Da bieten die Arbeitgeber Lohnerhöhungen an, die über das hinausgehen, was die Gewerkschaften fordern. Sie begründen ihre Großzügigkeit dazu auch noch mit einer Art Kaufkrafttheorie, über deren Fragwürdigkeit sie sich früher nicht genug ereifern konnten. Umgekehrt zerbrechen sich die Funktionäre der IG Metall den Kopf der Unternehmer darüber, wie die Steigerung der Lohnkosten in den nächsten Jahren so gering wie nur möglich gehalten werden kann. Die Metaller wollen zudem über längerfristige Tarifverträge ebenso mit sich reden lassen wie über deren vorzeitige Auflösung für den Fall, daß sich die wirtschaftliche Lage ändern sollte. Das sind Forderungen, wie sie in den letzten, Jahren von den Arbeitgebern immer wieder gestellt, bisher aber von den Gewerkschaften stets mit Empörung zurückgewiesen wurden.

Alle diese argumentativen Verrenkungen sind aber leider weder ein Zeichen von Flexibilität, noch von tieferer Einsicht – im Gegenteil. Beiden Seiten ging es vielmehr in den letzten Wochen allein darum, ein Dogma zu verteidigen. Es läßt sich inzwischen auf das simple Wörtchen generell reduzieren:

  • Die IG Metall will immer noch eine generelle Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Um dies durchzusetzen, war sie schon in der vergangenen Woche bereit, nicht nur eine, sondern gleich einen ganzen Korb voller Kröten zu schlucken.
  • Die Vertreter von Gesamtmetall dagegen scheuen diesen Begriff wie der Teufel das Weihwasser. Um eine generelle Arbeitszeitverkürzung zu vermeiden, haben sie sich bereits vor Beginn des Arbeitskampfes zu Konzessionen bereit erklärt, von denen ihre gewerkschaftlichen Gegenspieler sonst nur träumen können.

Leider hat dieses Spiel mit vertauschten Rollen nicht nur komische Seiten. Dieser Arbeitskampf fordert mit jedem Tag höhere Opfer. Das Stuttgarter Schauspiel ist auch deshalb so empörend, weil sich schon lange vor Pfingsten ein Weg zur Lösung des Konflikts aufgetan hatte, der eigentlich nur durch den Streit um den Begriff generell blockiert wird.

Die Arbeitgeber haben nämlich schon eine 38-Stunden-Woche für Schichtarbeiter angeboten. Würde dies auf alle Mitarbeiter ausgedehnt, hätte die IG Metall ihre generelle Arbeitszeitverkürzung. Statt den Arbeitstag um jeweils 22 Minuten zu verrinnen, könnte die zusätzliche Freizeit zu einem freien Tag pro Monat zusammengefaßt werden. Aus der Sicht der Arbeitgeber bliebe so die 40-Stunden-Woche als betriebliche Arbeitszeit erhalten.

Von den Kosten her wäre das zu verkraften, da die IG Metall bereit ist, die Arbeitszeitverkürzung gegen sonst mögliche Lohnerhöhungen zu verrechnen. Diese Form der vermehrter Freizeit wäre sogar fast kostenneutral, wenn vereinbart würde, daß die ersten drei Krankheitstage pro Quartal auf die freien Tage angerechnet werden. Aus der Sicht der Gewerkschaften hätte dies den Vorzug, daß die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht angetastet wird, gleichzeitig aber der Ruf nach Karenztagen gegenstandslos wird. Die Arbeitgeber dagegen könnten sich darüber freuen, das „Blaumachen“ sich nicht mehr lohnt.

Das einzige, was für eine befriedigende Lösung fehlt, ist also etwas weniger Sturheit und etwas mehr guter Willen auf beiden Seiten – und ein wenig mehr Rücksicht auf die Opfer des Starrsinns der Funktionäre. Michael Jungblut