Von Rudolf Herlt

Der Londoner Weltwirtschaftsgipfel, der zehnte seiner Art, hatte viele Facetten. Er war die Fortsetzung des Wahlkampfes für den amerikanischen Präsidenten mit anderen Mitteln, inszeniert von begabten Regisseuren aus dem Weißen Haus. Sie nutzten die Londoner Veranstaltung als wirkungsvolles Finale einer Präsidentenreise, die in Irland mit dem Angebot des Gewaltverzichts an die Sowjets begonnen und in der Normandie bei den Feiern zum vierzigsten Jahrestag der Invasion mit einer Erinnerung an die gemeinsamen Werte der damaligen Akteure aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Kanada einen emotionalen Höhepunkt erreicht hatte.

Der Gipfel erwies sich aber auch als improvisiertes Lazarett, in dem deutsche Politiker von den still ertragenen Blessuren befreit wurden, die ihnen die Veranstaltung in der Normandie zugefügt hatte.

Die Londoner Konferenz war schließlich eine dem höheren Ruhm der Gastgeberin Margaret Thatcher dienende Polit-Show. Fast am Rande bot dann der Gipfel den Staats- und Regierungschefs aus den sieben wichtigsten Industrieländern außerhalb des Ostblocks auch noch Gelegenheit, „ein hohes Maß an Übereinstimmung in den Grundzielen unserer jeweiligen Politik“ zu konstatieren.

Das ist keine übertriebene Ironie. Ein Teilnehmer mit langer Gipfelerfahrung stellte bedauernd fest, daß die Zeit für wirtschaftspolitische Diskussionen auf Gipfeln immer kürzer werde. Nach seinem Urteil ist nicht einmal das zentrale Hindernis für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung in allen Teilen der Welt – die hohen amerikanischen Zinsen – intensiv diskutiert worden.

Zyniker könnten einwenden, was sollte auch zu dieser Frage über die Vorhaltungen von Ottawa (1982) und Williamsburg (1983) hinaus in London Neues gesagt werden? Solange sitzen Präsident Reagan und sein Finanzminister Regan schon auf der Anklagebank. Ebensolange verteidigen sie sich mit inzwischen abgenutzten Argumenten. Sie bestreiten jeden Zusammenhang zwischen ihrer Haushaltspolitik der gigantischen Defizite, die sich von 1981 bis 1983 verdreifacht haben, und den hohen Zinsen.

Für sie sind die Inflationserwartungen die wahre Ursache für das steigende Zinsniveau, und wenn man den Prozentsatz der Inflationserwartungen von den Zinsen abzieht, dann seien sie gar nicht mehr so hoch. Wenn die Europäer in London darüber klagten, daß die hohen Zinsen Kapital in die Vereinigten Staaten locken, obwohl es zu Hause dringend gebraucht wird, antwortete Regan kühl: „Was wollt ihr? Das Geld, das wir euch geliehen haben, fließt jetzt wieder in das erfolgreiche Amerika zurück.“ Bonn aber wurde für seine Erfolge bei der Konsolidierung des Bundeshaushalts ausdrücklich gelobt. Zuckerbrot und Peitsche.