Von Ulla Plog

Stützen aus gelbem Kunststoff hat Schwester Silke*) dem Patienten unter Arme und Hacken geschoben. So liegt er besser. Viermal in der Stunde trägt sie Temperatur, Puls und Blutdruck in die Tabelle ein, sie kontrolliert den Venenkatheter, der die Medikamente in den Körper hineinträgt, und die Magensonde für Tee und Schonkost. Den Monitor und das Beatmungsgerät läßt sie nicht aus den Augen. Seit drei Tagen ist Herr K., der sich eine Kugel in den Kopf geschossen hat, ohne Bewußtsein. „Wenn er sich gegen etwas wehrt, dann schlägt er mit den Beinen“, so hat sie die schwache Mitteilung aufzufangen gelernt, „er atmet nicht gegen das Gerät an, er ist nicht blau, der Puls schlägt normal – ihn scheint nichts zu stören“.

Acht Stunden am Tag überwacht Schwester Silke die Funktionen des kranken Körpers. Ihre beiden Patienten hat sie sich heute morgen sozusagen ausgesucht. „Das macht das Team immer so“, sagt mir Uta, die Oberschwester. Jeden Tag dieselben, das wäre zu belastend. Sie versorgt zwei ältere Frauen (die eine wurde angefahren, die andere hat sich vor die U-Bahn geworfen) und einen jungen Mann, den gestern abend schwer verletzt der Rettungswagen ins Haus brachte. Der Hirndruck des Mannes ist verändert, er reagiert nicht. Die Schwester spricht ihn trotzdem an. „Ich sauge jetzt den Schleim ab, Herr S.“, sagt sie, weil sie annimmt, daß „der Patient uns hört“, auch wenn er im Dämmerschlaf zu liegen scheint. Nicht nur die Kranken befinden sich hier in einer extremen psychischen Situation.

Die chirurgische Intensivstation des Hamburger Krankenhauses Sankt Georg ist ein dramatischer Ort: Innenstadt und Autobahn sind nah, der Sommer steht bevor und wird unweigerlich viele verunglückte Motorradfahrer und querschnittgelähmte junge Leute mit sich bringen, die kopfüber ins seichte Wasser sprangen. Neben den sechzehn chirurgischen Betten gibt es noch zwei Bozen für Brandverletzte. Berichte über solche Stationen lesen wir jetzt oft, meistens sind es Horrorgeschichten. Daß der Horroraspekt nicht der einzige Aspekt ist, zeigen seit einiger Zeit Untersuchungen, die freilich noch kein großes Echo hatten. Menschen in einer lebensbedrohenden Situation, das haben sie herausgefunden, akzeptieren die Bedingungen einer aggressiven Apparate-Medizin eher als gedacht. Solange sie todkrank sind, aber keinen lag länger, fühlen sie sich sicher in der Obhut der gewaltigen Technik und eines Teams, das rund um die Uhr alles tut, sie zu retten.

Wie Schwestern und Pfleger mit dem Posten an der vordersten medizinischen Front zurechtkommen, konnte man gelegentlich regionalen Meldungen entnehmen. Noch vor kurzem mußten Intensivstationen aus Mangel an Personal schließen. Inzwischen hat auch hier die Drängelei auf dem Arbeitsmarkt ihre Folgen. Die rund 20 000 Plätze in der Bundesrepublik können annähernd besetzt werden. Aber die Problematik, die sie mit sich bringen, blieb erhalten und zeigt sich in einer besonders großen Fluktuation. Wer es nicht schafft, geht schnell wieder. Wer bleibt, hält meistens viele Jahre am schwierigen Job fest.

Jede Intensivstation lebt von einem Stamm erfahrener Leute, die im Notfall, und der ist fast immer, schweigend Hand in Hand arbeiten. „Es sind die besonders aufopferungswilligen“, sagt die Leiterin der Hamburger Station, „sie stellen sich dieser Herausforderung ganz bewußt“. „Engagiert“ nennen es die jungen Schwestern sachlicher, Lieber als „Essen austragen und auf Klingelzeichen springen“, wollen sie hochspezialisierte, ja auch technische Medizin betreiben, und diese hat vielleicht auch ihre Faszination. Auf jeden Fall fühlen sie sich von der Verantwortung angezogen, „die man hier tragen muß, denn oft muß man ganz schnell selber handeln“.

Weil jeder einzelne dabei gefordert ist, hat nicht „diejenige am meisten zu sagen, die die Kurven malt“. Auf Intensivstationen duzt sich das Team, und ich kriege erst auf den dritten Blick mit, daß die kleine, dunkelhaarige Uta die Oberschwester ist und der junge Mann der Arzt. „Wir müssen Herrn K. heute waschen“, sagt er, „notfalls hilft einer von uns.“ Für wehende Chefarztkittel ist das nicht der rechte Platz, auch nicht für rauschende Visiten. Diese Milderung der Hierarchie zieht viele an. Dem Betriebsklima bekommt das überall in den Intensivstationen. Es muß auch gut sein, wenn es nicht reineweg explosiv wirken will bei so viel Reibungsflächen.