Aschaffenburg

Flugtag 1984 in Aschaffenburg-Großostheim: 30 Meter über der Landebahn geht ein britischer Senkrechtstarter vom Typ „Harrier“ in Flammen auf. Der Pilot kann sich mit dem Schleudersitz retten, nachdem er geistesgegenwärtig die Maschine aus dem Zuschauerbereich gerissen hat. Der schwere Sitz stürzt auf einen 40jährigen Zuschauer, der vom äußersten Rand der Sicherheitsbegrenzung aus das Schaufliegen beobachtet. Der Mann ist sofort tot.

Dieser Unglücksfall am 3. Juni hat die Liste der Flugzeugkatastrophen bei militärischen Demonstrationsflügen vor Publikum um einen tragischen Fall verlängert. Einmal mehr wird diskutiert, welchen Sinn Luftakrobatik mit Militärmaschinen hat. Schon im vergangenen Jahr setzten sich Politiker dafür ein, Schauflüge mit Düsenjägern, zumindest über Wohngebieten, abzuschaffen. Damals war während einer Flugschau auf dem militärischen Teil des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens am Pfingstsonntag ein Starfighter der kanadischen Luftwaffe explodiert. Wrackteile des Tieffliegers trafen einen Personenwagen. Sechs Menschen starben. Es hätte noch schlimmer ausgehen können, wenn der Düsenjäger in eine Menschenmenge gestürzt wäre. Nur 500 Meter hinter dem Unfallort vergnügten sich Zehntausende auf dem „Wäldchentag“, dem Frankfurter Volksfest, 100 Meter entfernt wurde auf 20 Plätzen Tennis gespielt, 300 Meter weiter liegt eine Großtankstelle. Die 400 000 Zuschauer auf der Air Base waren nur 1000 Meter Luftlinie von der Absturzstelle entfernt.

In diesem Jahr gab es beim „Tag der offenen Tür“ der US-Luftwaffe in Frankfurt kein Schau-– fliegen von Kampfflugzeugen: aus „psychologisehen, nicht aus Sicherheitsgründen“, betonte ein Armeesprecher. Daß sich das tödliche Risiko jedoch nicht ausschließen läßt, lägt im Wesen solcher Flug-Shows selbst begründet. Gerade waghalsige Manöver ziehen Publikum an. Die Besucherzahlen beweisen, wie groß der Spaß am „Kriegsspielzeug“ ist: Trotz des Unglücks im vergangenen Jahr kamen diesmal 300 000 Menschen. Bisher hat Staatssekretär Peter-Kurt Würzbach solche „Demonstrationen fliegerischen Könnens“ verteidigt. Sie seien Teil der sicherheitspolitischen Öffentlichkeitsarbeit. Diese Bewertung erscheint zynisch, ruft man sich die Beispiele! „tödlicher Militärspektakel“ – so Otto Schily von den Grünen – ins Gedächtnis:

  • Juli 1983: Beim „Tag der offenen Tür“ in Pirmasens stürzt ein amerikanischer Militärhubschrauber ab: sechs Schwerverletzte.
  • September 1982: Bei den Mannheimer Luftschiffertagen verliert ein Chinook-Hubschrauber der US-Armee seinen Heckrotor – Absturz. Alle 46 Insassen sind auf der Stelle tot.
  • Juni 1973: Bei der Luftfahrtmesse auf dem Pariser Flugplatz Le Bourget explodiert während einer Flugvorführung ein sowjetisches Überschallflugzeug vom Typ Tupolew 144:13 Tote.
  • September 1968: Sechs Menschen sterben, als ein französischer Marineaufklärer bei der Flugschau im englischen Farnborough auf das Flughafengebäude stürzt – 100 000 Menschen sehen zu.
  • September 1952: In Farnborough rast ein britischer Düsenjäger in die Zuschauermenge: 26 Besucher und zwei Besatzungsmitglieder finden den Tod.

Die nächste US-Flug-Show steht unmittelbar bevor: am 24. Juni auf der Nato-Flugbasis Ramstein bei Kaiserslautern. Der Stadtrat protestierte bei den Amerikanern – bisher vergebens. Die Stadt selbst kann Flugvorführungen nicht verbieten, den Vorrang hat das Besatzungs- und Nato-Truppenstatut. Helena Zuber