Die erste vollständige Ausgabe des „Versuchs über die Sitten und den Geist der Nationen“ erschien 1756; diesen, den endgültigen Titel trug aber erst die Ausgabe von 1769. Voltaire hat das Monumentalwerk für seine Freundin, Madame du Châtelet, geschrieben. Diese geistvolle Dame habe nämlich ein Ekel vor Geschichtsbüchern erfaßt, da sie darin nur schlecht geschriebene Schlachtenerzählungen und Dynastie-Chronologien gefunden habe. In den „Reflexionen über den Essay ...“ berichtet Voltaire ausführlich vom Abscheu und den Erwartungen seiner Freundin, trägt dabei seine eigene Kritik an der damals herrschenden Geschichtsschreibung vor und erläutert sein Vorgehen. Erst einmal müsse ein Geschichtswerk für eine Dame von Geist lesbar, das heißt gut geschrieben und interessant sein, kein uferloses Kompendium, sondern bei der ungeheuren Fülle des Materials Grenzen setzen und eine Auswahl treffen. Dieses Prinzip jeder wissenschaftlichen Arbeit war damals keineswegs selbstverständlich. Als Beispiel für die Methode des 17. Jahrhunderts, alle Daten chronologisch aneinanderzureihen, wichtige und unwichtige bunt gemischt, nimmt Voltaire den Jesuitenpater Daniel und seine „Histoire de France“ (1696) aufs Korn; Daniel ist ihm der Kompilierer und Faktenhuber par excellence.

Unter welchem Aspekt aber soll die Auswahl getroffen werden? „Man hat nur die Geschichte der Könige, aber nicht die der Nation geschrieben.“ Unter Geschichte der Nation – oder der Menschen, wie er an anderer Stelle sagt – versteht Voltaire die Geschichte der Rechtsverhältnisse eines Volkes, der gesellschaftlichen Institutionen, die Geschichte der Religionen, der Sitten und Gebräuche, der Wissenschaft und Kunst, die Entwicklung von Handel, Gewerbe und Ackerbau. In seinem Werk wird Geschichte also nicht mehr wie bisher als Staats-, Regenten- und Kabinettsgeschichte begriffen, sondern eher als Sozial-, Kultur- und Geistesgeschichte. Voltaire berichtet daher auch über „profane“ Gegenstände wie die Kleiderordnung im Mittelalter, über Wohnverhältnisse, Heizungssysteme, Lebensmittelpreise, ja sogar darüber, daß die Engländer kaum Tischwäsche verwenden.

Nach seiner Vorstellung sollte durch eine solche Schilderung der Leser andere Völker kennen- und verstehen lernen; Geschichtsschreibung war für ihn ein Stück Selbstaufklärung der Menschheit, die eines Tages vielleicht über Fanatismus, Aberglauben und Despotismus siegen werde. Die Aufgabe des Historikers sei daher, die dargestellten Fakten zu reflektieren und zu kritisieren, er habe nicht Zeiten zu verherrlichen, sondern die Verbrechen der Machthaber – vor allem des Klerus und der Aristokratie – aufzudecken.

Vor ihm hatte nur einer die Faktensammlungen überschritten und Weltgeschichte unter einem bestimmten Aspekt dargestellt: Bossuet in seinem „Discours sur l’histoire universelle“ (1681). Der leitende Gesichtspunkt für Bossuet war das Schicksal des jüdischen Volkes, dieses der Ausgang der Zivilisation. Seine „Universalgeschichte“ umfaßte daher nur die Geschichte der Juden, Griechen, Römer und der übrigen Europäer. Der der Geschichte galt ihm vorherbestimmt Gottes Plan für sein auserwähltes Volk.

Voltaire fängt da an, wo Bossuet aufgehört hat, bei Karl dem Großen, und mit der Renaissance wird für ihn Geschichte erst eigentlich interessant. Zuvor aber holt er weit aus: er schildert die Sitten, die Wissenschaften und Erfindungen der alten Chinesen, Inder und Araber. Die Wiege der Zivilisation stehe im Orient, s,o hält er den überheblichen Europäern und Bossuet vor. Vor allem macht er mit der Religion dieser Völker bekannt, zitiert aus ihren heiligen Büchern und argumentiert gegen das Vorurteil, alle nichtchristlichen Völker seien Atheisten. Er weist nach, daß die Wurzeln der christlichen Religion in der indischen Mythologie zu finden sind und preist die Vorzüge des Konfuzianismus. Überhaupt ist ihm die christliche Religion als „Verlängerung des Judentums“ die barbarischste unter allen, in ihrem Namen sei mehr Blut geflossen als die Kriege Roms gekostet hätten.

Mit diesem Ansatz unterminierte Voltaire die Autorität der Kirche in Fragen der Geschichte, denn sie hatte bisher die Interpretation der historischen Entwicklung als ihr Privileg betrachtet. Allerdings gelingt ihm noch keine kohärente Gegenkonzeption. Zwar betont er immer wieder die Bedeutung von Handel und Gewerbe, von Kunst und Wissenschaft für die Entwicklung eines Landes, aber ebenso arbeitet er mit der Kategorie der „großen Männer“ als den geschichtsbewegenden Kräften, und fast mehr noch hebt er den Zufall als die Konstellation hervor, die die größten historischen Wirkungen zeitige. Das Movens von Geschichte also eine Reihe von disparaten Elementen, aber Geschichte nicht mehr als göttliche Vorsehung, sondern als innerweltlicher Prozeß konzipiert. Damit war der Weg frei für eine spätere Geschichtstheorie, und man kann das Urteil des Voltaire-Biographen Lanson rechtfertigen, mit diesem Werk habe Voltaire eine Revolution in der Geschichtsschreibung eingeleitet und einen Schritt hin zur wissenschaftlichen Historiographie getan.

Fazit der Voltairischen Untersuchung ist, daß sich die Sitten der Völker unterscheiden und verändern, daß es aber ein Grundprinzip gebe, das unveränderlich und universal sei, er nennt es Moral oder Sittlichkeit, es ist ihm identisch mit menschlicher Natur. Alles, was mit der menschlichen Natur zusammenhängt, ist von einem Ende der Erde zum anderen gleich, denn es „basiert auf einer kleinen Anzahl unveränderlicher Grundsätze“. Die Natur tendiere zu Einheit und Einfachheit, erst die „coutume“, und das muß man hier wohl mit Kultur übersetzen, habe die Vielfalt der Sitten und Gebräuche hervorgebracht. „Der Boden ist überall der gleiche, erst die Kultur produziert die verschiedenartigen Früchte.“ Hier ist „culture“ zwar noch im Sinne von Agrikultur gebraucht, aber der ganze Satz ist metaphorisch zu verstehen.