Warzen, das wissen Forscher seit geraumer Zeit, werden von einem bestimmten Virus verursacht. Nun geraten zwei enge Verwandte des Warzen-Virus in den Verdacht, Schlimmeres als die harmlosen Hautneubildungen zu verursachen: Krebs des Gebärmutterhalses. Der Verdacht gründet auf eine Fülle indirekter Hinweise, die von Professor Harald zur Hausen und seinen Mitarbeitern vom Deutschen Krebsforschungszentrum in .Heidelberg zusammengetragen wurden.

Indizienbeweise können freilich niemals als eindeutige Nachweise gelten. Denn ebensowenig wie sich zum Beispiel die gleichen Fingerabdrücke in der Umgebung mehrerer Schadensfeuer automatisch einem Brandstifter zuschreiben lassen (sie könnten auch von einem Zeitungsreporter oder Versicherungsexperten stammen), so kann auch einem Virus, das regelmäßig in Gebärmutterhalskrebs-Gewebe auftaucht, nicht ohne weiteres die Schuld an dem Tumor gegeben werden.

Aber eine solche auffällige Übereinstimmung verlangt nach einer Untersuchung – und genau hier hakte Professor zur Hausen ein. Der früher in Freiburg forschende Virologe, seit 1983 Chef des Krebsforschungszentrums, stieß bei seinen Studien auf zwei neue Viren, die sich in vielen Gebärmutterhalskrebs-Gewebeproben tummeln.

Die beiden von zur Hausen identifizierten Erregertypen zählen zur Gruppe der Papilloma-(Warzen-)Viren. Zu ihr gehören neben den Auslösern harmloser Warzen auf menschlicher Haut auch Viren, die unter dem Verdacht stehen, zumindest teilweise für einige Krebsarten bei Tieren verantwortlich zu sein.

Über den ersten Erreger berichteten zur Hausen und seine Kollegen vor etwa einem halben Jahr. Damals hatten sie einen neuen Papilloma-Virus-Stamm namens HPV-16 aus Gebärmutterhals-Krebsgewebe isoliert. Durch den Vergleich mit der Probe konnten die Forscher das gleiche (oder ein zumindest sehr ähnliches) Virus in etwa 60 Prozent der untersuchten Gebärmutterhalskrebse und rund einem Viertel aller Vulva- und Penistumoren nachweisen. Auch einige Proben mit abnormalem Gewebe – es stand vermutlich kurz davor, sich in Tumore zu verwandeln – enthielten das Virus; in harmlosen Warzen wurde der Erreger dagegen selten gefunden.

Nun meldet zur Hausens Mannschaft im Fachblatt EMBO Journal die Entdeckung eines zweiten neuen Papilloma-Virus im Menschen: HPV-18 kam in etwa einem Viertel der untersuchten Gebärmutterhalskrebs-Gewebeproben vor, niemals aber in Warzen oder in gesundem Gebärmutterhabgewebe. Von besonderem Interesse ist dabei der Zustand des Virus in den Tumorzellen – ein Zustand, der möglicherweise eine bedeutende Rolle im Krebsgeschehen spielt.

Gewöhnlich wird die Erbsubstanz von Papilloma-Viren (sie besteht aus dem Erbmolekül Desoxyribonucleinsäure, kurz DNA) nicht in die DNA der von ihnen befallenen Zellen eingebaut: Die viralen Gene verbleiben ständig in der Zellflüssigkeit. HPV-18 freilich scheint, wie die meisten Tumor-Viren in Tieren, ein integrierter Bestandteil des Erbguts der infizierten Zellen zu werden. Dasselbe könnte bei HPV-16 zutreffen. Möglicherweise ist dieser Einbau in die zelluläre DNA ein Schritt in Richtung Krebs.