Von Gerhard Prause

Hunderttausende in England und Frankreich, wo es zum Bestseller wurde, diskutieren dieses Buch, heißt es auf der leuchtendroten Bauchbinde. Auf der Rückseite wird der Observer zitiert:„...so frontal mit diesen überwältigenden Entdeckungen konfrontiert zu werden, ist bestürzend.“ Und der Lübbe-Verlag, seit vielen Jahren erfolgreich mit seriösen, historischen und archäologischen Büchern, verspricht den deutschen Lesern, daß die „kühne Hypothese“, zu der sich die drei Autoren auf Grund ihrer „Erkenntnis“ aufschwingen, „an die Grundfesten unseres Geschichtsbildes und des christlichen Glaubens rührt“. Der sachliche, zurückhaltende Titel verrät von alledem noch nichts:

Lincoln, Baigent, Leigh: „Der Heilige Gral und seine Erben – Ursprung und Gegenwart eines geheimen Ordens. Sein Wissen und seine Macht“; aus dem Englischen von Hans E. Hausner; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, 1984; 472 S., 39,80 DM.

Aber schon auf den ersten Seiten, wo das „Forschungsproiekt“ als ein noch zu entdeckendes „Außergewöhnliches“ eher mystifiziert als verdeutlicht wird, verraten die Autoren die Konsequenzen ihrer Recherchen, nämlich, daß es nun notwendig sei, die abendländische Geschichte neu zu schreiben.

Zuerst jedoch schienen sie nur einem Schatz auf der Spur zu sein (worüber Henry Lincoln, geboren 1930 in London, vertraut mit Themen der Mythologie und der vergleichenden Religionswissenschaft, für die BBC einen Fernsehfilm machte). Das war in dem südfranzösischen Zweihundert-Seelen-Dorf Rennes-le-Chäteau, wo vor einem Jahrhundert, genau am 1. Juni 1883, der 33jährige Cure Berenger Saunière, ein „robuster, stattlicher, energischer und überdies hochintelligenter Mann“, Gemeindepfarrer geworden war. Dieser Sauniere vertiefte sich in die Geschichte jenes Dorfes und seiner Umgebung, mit den Ruinen einer Burg und eines Ordenshauses der Tempelritter und der alten Dorfkirche, die im Jahr 1059 Maria Magdalena geweiht worden war. Bei Restaurierungsarbeiten an dieser Kirche und bei Nachforschungen auf dem alten Friedhof scheint er etwas überaus Geheimnisvolles und Wertvolles entdeckt zu haben. Die Autoren dachten zunächst an einen Schatz. Denn der einfache Dorfpfarrer, der jährlich nicht mehr als 150 Francs verdiente, gab sehr viel Geld aus, von Jahr zu Jahr mehr, Summen, die schließlich „jedes vernünftige Maß bei weitem überstiegen“; bis zu seinem Tode im Jahre 1917 erreichten sie, nach Angabe der Autoren, „einen Gesamtbetrag von mehreren Millionen Francs“, ausgegeben für eine Straße, eine Wasserleitung, ein luxuriöses Landhaus (in das der Pfarrer nie einzog), für teures Porzellan, Skulpturen, bibliophile Bücher, für einen Turm, eine Orangerie, einen Tiergarten, für üppige Feste, nicht zuletzt aber für die Restaurierung der Maria-Magdalena-Kirche.

Wenn Saunière – und wie sonst sollte er an so viel Geld gekommen sein – einen Schatz gefunden hatte, dann, so überlegen die Autoren, konnte es vielleicht ein Tempelritterschatz gewesen sein. Vielleicht war es ursprünglich gar jener Schatz, den die Westgoten unter Alarich bei der Plünderung Roms mitgenommen und dann hier versteckt hatten, mitsamt des großen jüdischen Tempelschatzes, den die Römer mit dem siebenarmigen Leuchter aus Jerusalem geraubt hatten. Würde das nicht jenen rätselhaften Hinweis auf Zion erklären, den der Dorfpfarrer in einer verschlüsselten Inschrift entdeckt hatte?

Doch dann korrigieren die Autoren ihren Verdacht, aber nur um ein viel größeres Geheimnis als nur goldene Schätze zu vermuten, ein folgenschweres, ungeheuerliches Wissen nämlich, das nicht publik werden durfte und mit dem der Dorfpfarrer den Vatikan erpressen konnte. Ein anglikanischer Geistlicher hatte sie darauf gebracht, daß der „Schatz“, den Saunière entdeckt hatte, in dem „unwiderlegbaren Beweis“ bestanden habe, daß „die Kreuzigung eine arglistige Täuschung gewesen sei und Jesus mindestens bis zum Jahr 45 gelebt habe“. Schon auf Seite 29 lassen sie die Katze soweit aus dem Sack, stoßen sie jedoch sofort wieder hinein: „Diese Behauptung klang völlig absurd. Was konnte selbst einem überzeugten Atheisten der ,unwiderlegbare Beweis’ bedeuten, daß Jesus die Kreuzigung überlebt hatte? Wir konnten uns einfach keinen ,Beweis‘ vorstellen, der nicht hätte in Zweifel gezogen werden können...“

Aber der Gedanke ließ sie nicht mehr los, sie forschten weiter, suchten und recherchierten, fanden vielerlei Merkwürdigkeiten, die immer wieder auf die Tempelritter, den Orden vom Heiligen Gral hinwiesen und auf jenes mystische Gefäß, in dem Joseph von Arimathia Christi Blut aufgefangen hatte und um das sich im Mittelalter französische und deutsche Dichtungen rankten. Könnte, ja müßte der Heilige Gral, der eigentlich „königliches Blut“ bedeute, nicht hier in Südfrankreich gewesen sein, wo Maria Magdalena, die Sünderin und Büßerin, einer Legende zufolge ihr späteres Leben verbrachte, als Einsiedlerin in einer Höhle bei Sainte-Baume?

Sie holen weit aus bei ihren „sorgfältigen Recherchen“ – so sagen sie selber – der englische Fernsehautor Henry Lincoln, der amerikanische Literaturdozent Richard Leigh und der neuseeländische Psychologe und Photograph Michael Baigent. Und sie tun vielerlei in ihren großen Gralstopf, um ihren Trank anzurühren und schließlich das herauszufiltern, um das es ihnen von Anfang an ging: daß die Merowinger, die „Könige mit den langen Haaren“, sich mit Abkömmlingen Jesu verbunden hatten. Deswegen seien die Merowinger als Christi Nachfahren von der Kirche begünstigt worden. Später habe der Kreuzfahrer Gottfried von Bouillon, ein Nachkomme der Merowinger, mit der Eroberung Jerusalems jenes Königreich wiederhergestellt, auf das schon Jesus als Erbe des Königs David einen legitimen Anspruch gehabt habe.

Bei alledem ist ständig von „Forschung“ und „Wissenschaft“ und „wissenschaftlichen Beweisen“ die Rede, während alles mit einer Fülle unwesentlicher Einzelheiten garniert und das simple Muster der „Beweiskette“ zugedeckt wird. Immer wieder gehen die Autoren vom „Denkbaren“ oder vom „Wahrscheinlichen“ aus. Es sei wahrscheinlich, meinen sie, daß Jesus verheiratet war: Jesus war ein Rabbi, ein Lehrer; „unter dieser Voraussetzung war es nicht nur unwahrscheinlich, sondern praktisch sogar unmöglich, daß Jesus unverheiratet blieb; denn das jüdische Gesetz der Mischna schreibt eindeutig vor: ‚Ein unverheirateter Mann kann kein Lehrer sein.“

Wahrscheinlich sei die Hochzeit in Kana Jesu eigene Hochzeit gewesen; warum sonst habe Maria, seine Mutter, ihn da veranlaßt, für Wein zu sorgen?! Maria und Jesus seien eben die Gastgeber gewesen. Und weiter in der Beweiskette: „Vorausgesetzt, Jesus war tatsächlich verheiratet“, dann dürfte seine Frau Maria Magdalena gewesen sein, die bei der Kreuzigung anwesend war. Und dann zum nächsten Beweisglied: „Wenn wir davon ausgehen, daß Jesus tatsächlich mit Maria Magdalena verheiratet war – konnte diese Ehe eine Art dynastische Allianz voller politischer Implikationen und Auswirkungen sein? Hätte ihre Nachkommenschaft mit Recht behaupten können, ,königlichen Geblüts‘ zu sein?“ Natürlich müssen die Autoren, auch diese Fragen mit ja beantworten, um ihren Faden weiterspinnen zu können. Jesu königliche Abstammung von David ,beweisen’ sie mit dem bethlehemitischen Kindermord, obgleich der – wie sie selber zugeben – möglicherweise gar nicht stattgefunden habe.

Nach dem Schema „Wenn... – dann...“ wird Barabas zu Jesu leiblichem Sohn, wobei als denkbar, ja als wahrscheinlich dargestellt wird, daß Jesus noch andere Söhne hatte. Nach demselben Schema wird die Kreuzigung zu einer abgekarteten Täuschung, und der „Auferstandene“ (möglicherweise auch nur seine Mumie), seine Frau und seine Nachkommen (oder doch einige von ihnen) tauchen in Südfrankreich auf. Die Wenn-Frage der dummen Volkstanz-Liese aber wird von den Autoren nicht gestellt: „Wenn, der Topf aber nun ein Loch hat, lieber Heinerich, was dann?“

Ihr Topf hat viele Löcher und ist allenfalls noch als Sieb zu gebrauchen. Aber in jedem Sieb kann etwas hängen bleiben. Hier ist es die Einsicht, wie leicht sich Unsinn als Wissenschaft verkaufen läßt. – Denkbar, aber nicht wahrscheinlich, daß dies zu zeigen die Absicht der Autoren war.