Von Reinhard Baumgart

Es soll mir keiner etwas gegen ihn im einzelnen sagen, als der ein größeres und zusammenhängenderes Ganze machen kann. Wenigstens scheint mir das Buch weniger Hypothese als das erste Capitel Mosis zu seyn. Goethe über Buttons "Époques de la nature"

Als ich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal in Weimar war, wurde mit abends im Hotel Elephant, hinter vorgehaltener Hand und im Schutz einer sanften alkoholischen Verschleierung, von einem leitenden Funktionär der "Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen Literatur ein bedeutendes Geheimnis anvertraut. Demnach sollten sich in den Forschungsstätten eindeutige und unwiderlegbare Dokumente befinden, aus denen einmal hervorginge, daß Goethe bis in sein viertes Jahrzehnt hinein "keusch" geblieben wäre – was einige seiner bürgerlichen Biographen auch schon gemutmaßt hatten – aber die Dokumente, so mein Gewährsmann, könnten darüber hinaus beweisen, daß die erste Frau, die der Dichter im biblischen Sinne "erkannte", Charlotte von Stein war, ausgerechnet. Denn das würde die überlieferte Vorstellung von dieser Frau ausstreichen, diesem Engel oder Drachen der Versagung, zu dem sich Goethe nach zwielichtigen Erfahrungen in Leipzig oder Sesenheim oder Wetzlar doch gerettet haben sollte – so die herrschende Lehre. Derart herrschend, behauptet mein Geheimnisträger, daß alle gegenteiligen Beweisstücke auch unter kommunistischer Aufsicht so bald nicht veröffentlicht werden dürften, wenn überhaupt.

Ein Geheimnis? Ein Gerücht? Eine alkoholisierte Angeberei? Ich war schon damals wenig interessiert an der faktischen Beweisbarkeit derartiger Behauptungen, doch die Behauptungen selbst leuchteten mir trotzdem ein. Sie "erklärten" mir viel am Goetheschen Sturm und Drang, seine sublime (sublimierte) Leuchtkraft wie seine Selbstquälerei, das Unglück und die Energie dieser Unruhe, dieser sozusagen innigen Ziellosigkeit – lauter erste, sinnliche Zeichen eines Zustands, den die späteren Kritiker des deutschen Idealismus die "überschwengliche Misere" nannten.

Außerdem war mir früh aufgefallen, daß in Goethes nicht zur Veröffentlichung gedachten Prosa um die Mitte des ersten Weimarer Jahrzehnts, in den Tagebüchern also und den Briefen vor allem an Charlotte von Stein, ein Klimaumschwung stattfindet: ein sanfter Hochsommer bricht in seiner Sprache aus, ein dunstiges Leuchten, eine Wärme, eine Stille, eine summende Sinnlichkeit setzen sich durch, die der jetzt gut Dreißigjährige vorher nicht mitteilen wollte und konnte. Ich ahnte also, an diesem späten Abend im Hotel Elephant, etwas von den Zusammenhängen zwischen einer sexuellen Entwicklung und einem scheinbar nur literarischen Stilwechsel.

Damals, vor etwa zwanzig Jahren, hörte ich gerüchtweise auch von einem m den USA veröffentlichten, zweibändigen psychoanalytischen Wälzer, der das Thema von Goethes retardierter psychosexueller Entwicklung über anderthalbtausend Seiten ziehe, wenn auch mit anderen Resultaten als die angeblichen Weimarer Dokumente. Offenbar ein ebenso schrulliges wie fachfremdes wie fanatisches Unternehmen. Wie viele deutsche Germanisten mögen seitdem dieses Werk zu Gesicht bekommen, geschweige denn zur Kenntnis genommen haben? Auch in großen Bibliotheken ist es kaum aufzutreiben.

Erst eine Bürgerinitiative von Wissenschaftskollegen des Dr. med. und Dr. phil. aus Wien, der nun in New York als Psychoanalytiker arbeitet und als (schätzungsweise) Kardinal in der psychoanalytischen Bewegung auch herrscht, hat nun immerhin den ersten Band in die deutsche Sprache hinübergerettet.