Von Rolf Schneider

Die „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ des Wilhelm von Kügelgen gehörten einmal zum unverzichtbaren literarischen Hausschatz deutscher Bürgerlichkeit.

Wilhelm von Kügelgen, von Beruf Kunstmaler, war Sohn und Neffe zweier malender Zwillinge Kügelgen, Gerhard und Carl, die beide einigen Rang in der deutschen Kunstgeschichte beanspruchen dürfen. Sie und ihre Sippe bewegten sich emsig zwischen Kurköln, Kursachsen und dem Baltikum; das Malen und das Schreiben blieben die in der Familie erheblichen Talente. Einer, mit Wohnsitz in der Deutschen Demokratischen Republik, hat nun seinerseits ein Erinnerungsbuch verfaßt:

Berat von Kügelgen: „Die Nacht der Entscheidung, Autobiographie“; Verlag der Nation, Berlin, 1983; 464 S., 19,10 DM.

Der heute siebzigjährige Bernt von Kügelgen geriet 1942 in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde dort zum Gründungsmitglied des „Nationalkomitees Freies Deutschland Diese Vereinigung von emigrierten deutschen Kommunisten und zu Einsicht und antifaschistischer Gesinnung gekommenen ehemaligen Hitler-Militärs hatte eine doppelte Aufgabe: Sie sollte propagandistisch aufklärend in die deutsche Front hineinwirken und dadurch den Krieg verkürzen helfen; sie sollte Modelle und Führungspersonen einer künftigen Verwaltung im besetzten Deutschland entwickeln. Beides geschah.

Der heimgekehrte Bernt von Kügelgen wurde zunächst Redakteur der sowjetisch lizensierten Berliner Zeitung, dann Chef eines illustrierten Blattes; zuletzt, für runde zwanzig Jahre, leitete er die Wochenzeitung Sonntag des Kulturbundes der DDR. Blättert man heute in den von ihm verantworteten Jahrgängen, erweist sich Sonntag als Gefilde schöngeistiger Ausführlichkeit zu Zeiten, da die Presse der DDR das Feuilleton bestenfalls als lästige Zulage ansah.

Es hat Bernt von Kügelgen bei den Überzeugungen, mit denen er einst nach Deutschland zurückkehrte, eine unbedingte Treue gehalten. Sie war ihm Ausdruck des Dankes für ein geistiges Schlüsselerlebnis: die Wandlung vom – gelegentlich verdrossenen – Hitler-Mitläufer zu einem engagierten Hitler-Gegner und Kommunisten; bewirkt hatte dies das in der UdSSR etablierte System der Umerziehung gefangener deutscher Soldaten. Die manchmal jähen Bewegungen sowjetischer und DDR-Politik hat Kügelgen stets widerspruchslos mitvollzogen und publizistisch verteidigt. Bellende Töne habe ich von ihm nie vernommen. Es gibt eine Reihe von Leuten in Deutschland/Ost wie Deutschland/West, die sich seiner erinnern als eines verständnisvollen und hilfsbereiten Menschen.