Jahrestag der alliierten Invasion

Von Roger de Weck

La Cambe (Normandie), im Juni

In der Kathedrale von Bayeux wurde am vorigen Donnerstag, am Abend eines regnerischen Tages, die heilige Messe gelesen. Es läuteten die Glocken, als sechzig Priester und Diakone, weiß gekleidet wie zum kirchlichen Freudenfest, zum Altar schritten, die jungen Ministranten voran und hintendrein die greisen Domherren, Ein Franzose, ein Brite, ein Deutscher: Die Prozession beschlossen drei Bischöfe und, ein Kreuz in der Hand, Jean-Marie Kardinal Lustiger, der Erzbischof von Paris. Im gotisch-schlanken Kirchenschiff drängten sich die Gläubigen. „Friede sei mit euch“ – damit begann der Gottesdienst zum Gedenken an jene Geschehnisse, die vierzig Jahre zurückliegen, blutige und glückliche Ereignisse zugleich: Am 6. Juni 1944 waren die alliierten Truppen an Land gegangen; tags darauf hatten sie die schmucke Kleinstadt Bayeux befreit.

Vier Jahrzehnte danach feiert und trauert in einem die Normandie. In jeder Ortschaft, an jedem Strand, auf jedem Friedhof finden sich die Veteranen ein. Tausende zieht es zurück auf das Schlachtfeld, auf dem sie nicht gefallen sind. Sie kommen in Zivil, die alte Uniform wäre den meisten ohnedies zu eng. Aber sie tragen Kennzeichen: die Briten ihre grünen Mützen; die Amerikaner ihre kitschigen Abzeichen; die Franzosen von der Résistance ihr ganzes oder auch nur halbes Dutzend Orden auf der Brust. Nur die wenigen Deutschen geben sich nicht zu erkennen.

Allenthalben gedenkt man der Toten, der Befreiung, der militärischen Glanzleistung und des Sieges über einen Feind, der kein Feind mehr ist. Auch nach dem Auftritt der Mächtigen und Monarchen, die am 6. Juni in ihren ratternden Hubschraubern die Küste entlang von Zeremonie zu Zeremonie hüpften, werden unverdrossen Kränze niedergelegt, Fahnen gehißt, Nationalhymnen gespielt, Ehrenkompanien abgeschritten und Messen gelesen.

Die Predigt in Bayeux hielt Kardinal Lustiger. Der feinfühlige Prälat, Sproß einer jüdischen Familie, sprach langsam, leise, als schmerze ihn jedes Wort. Der einstigen KZ-Insassin, die das versöhnliche Bittgebet vortragen sollte, und den alten Widerstandskämpfern, die reglos in den ersten Reihen saßen, machte der Kardinal keine Zugeständnisse: „Der Held, der frohgemut zu sterben bereit ist, um den Tod zu bringen? Das ist eine Illusion. Die Opfer und die Henker sind aus demselben Teig geknetet; manche waren sowohl Opfer als auch Henker,“ sagte er. Schwer lag Weihrauch in der Luft, als Lustiger fortfuhr: „Erinnert euch daran, wie sehr wir gehaßt haben, den Fremden gahaßt haben. Vielleicht ging in Uniform der eine oder andere Besatzer in dieser Kathedrale zur Kommunion. Wir haben ihn gehaßt.“