Von Wolfgang Boller II

Auf dem 50 173. Kilometer seiner Reise interessierten sich aus unersichtlichen Gründen erstmals Polizisten für den Motorradfahrer aus Kanada. Das war auf dem Zocalo von Oaxaca, schätzungsweise 2000 Kilometer oder zwei behäbige Tagesreisen südlich der Grenzstadt El Paso und rund 400 Kilometer südöstlich von Mexico-City. Der bärtige Kanadier flocht gerade seine erregende Harley-Davidson mit einer meterlangen Eisenkette an einen Hydranten, als sie ihm Fragen stellten, die er nicht verstand. Er betrachtete sie eine Weile mit dem Ausdruck gutmütiger Herablassung („Wollen Sie ’n Stück mitgenommen werden?“), der mexikanische Straßenhändler in der Regel so erzürnt, daß sie ihre Preise verdreifachen. Schließlich lächelte er ihnen aufmunternd zu („No problem“), überreichte ihnen ein Wörterbuch der englischen und spanischen Sprache und beschäftigte sich weiter mit der Sicherung seines eminenten Feuerstuhls, der unter Ketten bald nicht mehr zu sehen war. Die Ordnungshüter standen unschlüssig herum und blätterten im Diktionär.

Der Zwischenfall auf dem zentralen Platz der lebhaften Landeshauptstadt hätte kaum Aufmerksamkeit erregt, wäre in Menschentreiben und Feierabendstimmung untergegangen, wenn die handelnden Personen nicht vom Schein der untergehenden Sonne beleuchtet worden wären. So waren sie von organgefarbenem Licht umflossen wie die Helden einer wagnerschen Götterdämmerung, die ein Bröcklein Alltag zur Vision erhöht, aber den angemessenen musikalischen Ausdruck verfehlt. Die entrückte Atmosphäre zwischen Tag und Traum hat ihren eigenen Klang: die Lieder der Straßensänger und das dissonante Geheul der Mariachis.

Ein Abend auf dem Zocalo von Oaxaca. Das ist der Hauptplatz. Jeder Ort in Mexiko hat einen Zocalo. Hinter der Avenida Hidalgo sinkt die Sonne. Die Berggipfel der Sierra Madre glühen wie geschmolzenes Gold. Im Osten changieren die Farben des Himmels von Malve bis Tintenblau. Das Zwielicht von Höllentor und Neonmonden verwandelt den einen verwunschenen Garten mit Springbrunnen wie von Silber und gebündelten Luftballons wie bunte Wolken. Jedes Ding hat seine Geschichte und will sie erzählen, jede Geste hat ihre Bedeutung.

Ringsum in den Arkadencafes sitzen Geschäftsleute, Advokaten, Bankangestellte, Touristen wie in verdunkelten Zuschauerräumen. Sie starren, als wären sie in Trance, auf das Schauspiel der allabendlichen Lichtspielerei und schlürfen bitteren Kaffee oder lecken am Salzrand ihrer Margarita-Cocktails. Der Sonnenuntergangszauber auf dem Zocalo ist das überraschendste Kunststück dieser Stadt, die doch reich ist an Überraschung und Gaukelei.

In Oaxaca webt und lebt Mexikos unsterbliche Seele. Die Stadt (103 000 Einwohner) ist spanisch und indianisch. Azteken haben sie gegründet. Die Spanier nannten sie Antequera. Der Konquistador Cortez („Marques del Valle de Oaxaca“) hatte im Tal seinen unermeßlichen Grundbesitz. Der endgültige Name, Oaxaca de Juarez, ehrt den großen Sohn vom Volk der Zapoteken: Benito Juarez, der die Kirche vom Staat trennte und den unglücklichen Kaiser Maximilian erschießen ließ.

Oaxaca ist eine spanische Schachbrettmusterstadt aus graugrünen iberischen Kolonialstilfassaden und 29 Kolonialbarockkirchen mit Retabel und Apsiden von starrendem Blattgold. Die hölzerne Glocke vom Turm der Kathedrale zerhackt den Tag in handliche Viertelstundenpäckchen, ständig des Todes gedenkend, aber auf 15 Treppenplätzen und in einem Dutzend kleiner Parks gibt es viel zeitlose Zapotekenheimeligkeit, Frauen an primitiven Webstühlen, Männer in Mescalträumen und spielende Kinder der Indios, für die der Tod ein hilfsbereiter Nachbar ist, ein Tanz, ein Fest.