„Immer wenn Menschen zu Besuch kamen, wenn Empfänge waren, ging mitten in der Nacht leise die Tür auf, und er stand im Türrahmen, im Spitzennachthemd, und staunte die Menschen an, still beobachtend und todernst. Es war ihm nicht abzugewöhnen. Man versuchte alles, wartete bis er in tiefem Schlaf war, und konnte es nicht fassen, daß er trotzdem plötzlich dastand, lautlos und aufmerksam, mitten unter den fremden Menschen.“ Ja, so war er, der kleine Ödön (von Horváth). Und ist er nicht so sein Leben lang geblieben? Ein neugieriges Kind, das sich nicht ins Bett schicken ließ, todernst und die Augen weit offen, inmitten der großen Mitternachtsparty des Lebens. Abgedruckt sind diese Erinnerungen einer Jugendfreundin Horváths in einer neuen Materialienreihe zu Leben und Werk des Schriftstellers, in den seit Dezember letzten Jahres in der edition herodot erscheinenden „Horväth-Blättern“. Herausgegeben von Susanne und Traugott Krischke bietet die Zeitschrift Horväth-Souvenirs aller Art: Unveröffentlichte Entwürfe und Fragmente, Photos, Aufsätze und Briefe, bibliographische Ergänzungen und vieles mehr, dem Horväth-Forscher Unentbehrliches, den Horväth-Leser Amüsierendes.

„Horváth Blätter“, Edition Herodot, Göttingen; erscheint jährlich zweimal, 144 S., Einzelpreis 14,25 DM, im Abonnement: 12,– DM.

Nacht ohne Schlaf

Die Begeisterung der Filmkritiker über Fassbinders Fernsehserie „Berlin Alexanderplatz“ war damals, 1980, ziemlich einhellig. Die Ratlosigkeit des Publikums ebenfalls. Fünfzehn Abende lang erzählte Fassbinder die Geschichte des Franz Biberkopf, eines auf dunkle Weise zum Unglück verurteilten Mannes, und erzählte damit seine eigene, in dunklen Farben, düsteren Bildern, von rätselhaften Leidenschaften, von der Liebe, vom Haß. „Berlin Alexanderplatz“, Fassbinders größtes und schönstes Werk, war ein Blitzschlag im trüben Fernsehalltag und folglich nicht jedermanns Sache. Auch war es oft schwierig, sich jeden Montag neu darauf einzulassen. Man hätte das Ganze, so sagten damals viele, im Zusammenhang sehen müssen. Wie sollte das gehen? Vom deutschen Fernsehen darf man derlei Ungewöhnliches nicht erwarten, soviel ist klar. Und das Kino? Das Kommunale Kino der Stadt Hannover wagt es nun: den ganzen Film zu zeigen, am 23. Juni um 19 Uhr beginnend und am 24. Juni um zehn Uhr endend, in einer langen Nacht von 15 Stunden Dauer. Was ist eine Nacht ohne Schlaf gegen eine schlaflose Nacht?

Gulliver in Münster

Das gab’s noch nie: Eine deutsche Universität lädt ein zu einer Begegnung von Wissenschaftlern aus aller Welt, die in englischer Sprache über einen der bedeutendsten Schriftsteller der angloirischen Literatur, Jonathan Swift (1667-1745), streiten. „First Münster Symposium on Jonathan Swift“ heißt die Veranstaltung im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek (18. bis 20. Juni). Die beiden Anglisten der Universität, Hermann J. Real und Heinz J. Vienken, die eben ein mit Namen, Daten und Informationen gespicktes Handbuch über Swifts berühmtestes Buch „Gulliver’s Travels“ herausgebracht haben (Uni-Taschenbücher 1284, Wilhelm Fink Verlag, München; 188 Seiten, 19,80 Mark), sind die Veranstalter. Bis zum 13. Juli gibt es in der Bibliothek auch eine Ausstellung von Titeln aus der Bibliothek Swifts. Der Katalog ist gegen eine Schutzgebühr von drei Mark zu erhalten im Englischen Seminar der Universität, Johannisstraße 12-20, 4400 Münster.

Zukunftsträume

Jeder intelligente Mensch liest Krimis – oder Science-fiction. Dabei gibt es seit je zwei Klassen von Lesern dieser Unterhaltungsliteratur. Die einen langweilen sich bei der ewigen Jagd nach dem Mörder. Die anderen betrachten Science-fiction mißgünstig als einfältige Flucht vor der Realität. Nun, zur Zeit hat die Zukunft, so scheint es, Zukunft und hat uns zugleich eingeholt. So läuft in Wien (Museum des 20. Jahrhunderts) bis zum 8. Juli eine weit ausholende Ausstellung zum Thema: „1984 – Orwell und die Gegenwart“. Gezeigt wird, wie sich zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler mit den Visionen und Ängsten Orwells in Skulpturen, Objekten oder Environments auseinandersetzen. A. R. Penck, Hrdlicka, Kienholz und Magdalena Abakanowicz sind mit Arbeiten vertreten. Werke von Kokoschka, Eisler oder Robert Capa dokumentieren auch, welche politischen Entwicklungen es 1948 waren, die Orwell zu seiner pessimistischen Utopie veranlaßten. Eine den seit der Renaissance geschriebenen Utopien gewidmete Rückschau wird zur Zeit in Zürich, in der Landesbank gezeigt. Am interessantesten aber ist vielleicht eine in Kassel zusammengetragene Ausstellung, die die Macht des utopischen Denkens in der populären Form der Science-fiction analysieren will. „Zukunftsträume“ ist der Titel dieser bis zum 17. Juni in der Orangerie geöffneten Veranstaltung. Und hier zeigt sich, daß Pessimismus durchaus nicht angesagt ist. Im Gegenteil, keine Widrigkeiten der Welt vermögen die Perry Rhodans, Flash Gordons und Buck Rogers’ im Werbedesign, auf Plattencovern und Buchumschlägen, Jahrmarktsbuden und Spielautomaten aufzuhalten. Im intergalaktischen Raum sind alle Türen offen. Der dritte Weltkrieg ist dort bereits überstanden, „1984“ finstere Vergangenheit.