Ja, ja, sie sind übel dran – die jungen Menschen. Die Lehrstellen sind knapp, die Hörsäle überfüllt, die Berufsaussichten düster, ihre Renten nicht gesichert. Sie klagen uns ihr Leid, wie Claudia Duchêne, Studentin der Soziologie im 2. Semester. Sie schreibt, sie träfe fast nur Kommilitonen, die „dieses oder jenes sein möchten, bloß keine Studenten“.

Am späten Abend hebt sich die Stimmung. Die Bangigkeit der Frage, nach dem, was werden soll, verwandelt sich in Zuversicht und gedämpften Optimismus, später sogar in Sicherheit. Man wird es schon schaffen! Trotz Lehrstellenknappheit und Numerus clausus, Begriffe, mit denen man umzugehen beizeiten gelernt hat, die so geläufig sind wie die Worte Textanalyse und Interpretation früherer Deutschstunden – der Glaube an die Zukunft beherrscht die Szene. Liane fühlt sich stark genug, um Bäume auszureißen, was alle zwar lachen läßt, aber niemandem abwegig vorkommt, denn Liane will Gärtnerin werden.

Man hatte uns soeben die Abiturzeugnisse ausgehändigt, die Reife amtlich bescheinigt, und die schönen Reden über das vor der Tür auf uns wartende Leben der Abschlußfeier klang uns noch vielversprechend in den Ohren. Des Kanzlers Worte auch. Unmögliches, so schien es uns, wollten wir nicht, flexibel waren wir auch: ob München, Hamburg, ein verlassenes Dorf im Bayerischen Wald oder mitten im Moor – uns sollte es recht sein. Wir strebten keine Doktorwürden an, nur eins: endlich weg von der Schulbank!

Ein Jahr danach finden wir uns alle in Hörsälen wieder. Statt der Goldschmiedelehre wird ein Architektur-, statt des Redaktionsvolontariats ein Politologiestudium absolviert. Das angestrebte soziale Jahr findet nicht statt, eine Erziehungswissenschaftliche Hochschule ist die Alternative. Und Liane wird sich niemals Gärtnerin, sondern Diplom-Geographin nennen dürfen.

Eine positive Entwicklung? Mitnichten! Eine Notlösung bleibt immer eine Notlösung, mag sie auch mit Diplomen gekrönt sein. Sicher, wir sitzen nicht auf der Straße, vergeuden keine Zeit mit jahrelangem Warten auf einen Ausbildungsplatz. Manen ein arbeitsloser Jugendlicher wird uns beneiden. Klagen können wir nicht, klagen dürfen wir nicht, wenn wir nicht den Zorn der Umwelt riskieren wollen.

Die Erwartungshaltung, durch Lehrer und Eltern mit der Gleichung: „qualifizierte Schulbildung = größere Berufschancen“ jahrelang gezüchtet, muß schnell aufgegeben werden. Mitleid ist fehl am Platz, das öffentliche Interesse gilt uns nicht, wir passen in keine Arbeitsmarktstatistik.

Im Wettbewerb Kafka kontra Praxis blieb Kafka auf der Strecke. Das Abitur erwies sich als Handicap, die Meister, Ausbilder, Personalchefs zogen uns Fach- und Realschulabgänger vor, die Schreibmaschine und Steno gleichermaßen beherrschten, die Praktika absolviert und ihre Eignung unter Beweis gestellt hatten, während wir uns noch auf das Abitur vorbereiteten. „Sie sind intelligent und begabt, wir empfehlen Ihnen ein Studium“, ist ein in schöner Regelmäßigkeit sich wiederholender Satz aller Absagen.