Am Eröffnungstag bekamen die Besucher der Baseler Kunstmesse eine kostenlose Voraus-Zugabe: begleitet von hämmernden Rockklängen, die aus silbrig glitzernden oder bunt bemalten Transitorradios quollen, füllten die Graffiti-Maler der New Yorker Sidney Janis Galerie dort ihre Leinwände locker professionell mit den visuellen und verbalen Kürzeln der Nahverkehrs-Unterwelt. Die gesprayten Produkte konnte man dann, das feine Ohr brauchte nur der akustischen Spur zu folgen, gleich hinter dem Eingang am Stand 10.125 der Haupthalle sehen. "Sidney Janis presents:" unter diesem guten alten Hollywood-Motto bot der neben Leo Castelli andere große alte Mann der New Yorker Galeriewelt die frische (oder auch schon leicht abgestandene) Ware an, die den ganzen ephemeren Charme von Fast food und Punk-look hat.

Wer sich durch diesen Auftakt allerdings auf eine heiße, heftige Messe vorbereitet sah, der hatte sich getäuscht: Die Basler "Art 15 ’84" ‚ die neben der Venedig-Biennale für die Trendpropheten der Kunst wichtigste Veranstaltung dieses Jahres, war gekennzeichnet von einer deutlichen Baisse für die neoexpressive Malerei. Natürlich gab es auch in diesem Jahr viele schreckliche und ein paar heitere Exemplare dieser Gattung zu sehen und natürlich schwappte der Stand der Kölner Galerie Maenz über von Dahn, Dokupil und Bömmels, war dick bestückt mit Cnia Paladino und demente. Aber Ernst Beyeler (Mitinitiator der Messe und international renommierter Vertreter der klassischen Moderne von Cézanne bis Picasso), der die Besucher der letztjährigen Messe durch die totale Übergabe an den Zeitgeist nicht wenig verblüfft hatte, setzte diesesmal durch die nur Roy Lichtenstein gewidmete One-man-show ein deutliches Zeichen des Widerrufs.

Eine Messe ohne den großen, alles andere platt walzenden Trend: was die Propheten und Spekulanten auf Sand setzt, ist für stille, eigensinnige und neugierige Freunde der Kunst gerade das richtige Fahrwasser. Und die konnten dann bei Skulima (Berlin) ein großflächig-dunkles, spätes Stilleben von Max Beckmann entdecken oder bei der Galerie Gmurzynska (Köln) eine kleine Juwelen-Kette von Suetin-Zeichnungen. Oder ein wahrhaft minoritäres Vergnügen, bei Carl Solway (Cincinnati) neben den spinnwebartigen Partiturzeichnungen von John Cage und einer phantastischen Siebdruck-Folge vor Buckminster Fuller die erste Serie von Farbradierungen sehen, die Nam June Paik soeben gemacht hat: zehn Blätter, auf denen (natürlich auf Fernsehschirmhintergrund) kurzgefaßt die ganze Geschichte von Paik und der Welt erzählt wird.

Die Basler Messe wäre trotz ihrer Superlative (sie ist mit 319 Ausstellungen aus 25 Ländern eben nicht nur die größte, sondern in ihrer sanft jurierten Teilnehmerliste auch die qualitätvollste der Messen) nicht das, was sie ist, wenn es nicht die übrige, seit altersher streng kunstsinnige Stadt noch gäbe. Und diese bietet gerade jetzt wieder einige Extras von eigenwilliger Qualität: zum Beispiel die große Ausstellung "Skulptur im 2o. Jahrhundert" im Merian-Park und die kleine Aus-, Stellung "Nudes-nus-Nackte" in der Galerie Beyeler; die Ausstellung "Strawinsky – sein Nachlaß, sein Bild" im Kunstmuseum und eine Installation von Christo, mit der ein kleines, neues Architekturmuseum eingeweiht wurde. Petra Kipphoff