Von Helmut Schmidt

Wenige Tage vor Beginn des Londoner Gipfeltreffens hat der mit der Vorbereitung des Treffens befaßte amerikanische „Bergführer“ (korrekt: der persönliche Beauftragte von Präsident Reagan) sich in der New York Times zu den erhofften Gesprächsergebnissen geäußert. Er nannte zwei amerikanische Hauptziele. Zum einen: Wir Amerikaner werden klarmachen, die wirtschaftliche Erholung ist erreicht, jetzt kommt es darauf an, sie zu stärken und so schnell wie möglich über den Rest der Welt auszubreiten. Zum anderen: Wir Amerikaner wollen das Handelssystem und das Finanzsystem der Welt stärken, durch das Offenhalten der Märkte und durch die Öffnung bisher verschlossener Märkte, nämlich in den Entwicklungsländern und in Japan.

Auf die Frage, welche Einwände die Japaner und die Europäer gegen die amerikanische Wirtschaftspolitik in London erheben würden, kam die Antwort: „Ich glaube nicht, daß es wirklich grundlegende Meinungsverschiedenheiten geben wird.“

Tatsächlich hat der Londoner Gipfel diesen reichlich einseitig auf wahlkampftaktische Interessen der amerikanischen Regierung zugeschnittenen Erwartungen nicht entsprochen. Er hat auch höhergespannte Erwartungen nicht erfüllt. Er hat die Vereinigten Staaten nicht als Führer des Geleitzuges erkennen lassen.

Es sollte aber daraus kein Vorwurf an die Adresse der übrigen Gipfelteilnehmer hergeleitet werden. Denn der Sinn solcher Treffen liegt vielmehr in den intensiven persönlichen Gesprächen, die teils zu siebt am runden Tisch und teils jeweils zu zweit vorher oder nachher geführt werden. Nichts ist international für die Regierungschefs wichtiger, als einander zuzuhören, um zu verstehen, wie der andere die Interessenlage seines Staates definiert, wo ihm Möglichkeiten für Kompromißlösungen gegeben sind, wo umgekehrt sein Spielraum eng begrenzt ist, was seine Erwartungen an seinen Gesprächspartner sind. Dies gilt für Weltstrategie und Weltpolitik (die immer einen großen Raum einnehmen, auch wenn der Gesprächsinhalt nicht in extenso der Presse mitgeteilt wird) ebenso wie für die Fragen der Weltwirtschaft (zu denen die Presse normalerweise mit einem weitschweifigen abschließenden Kommunique gefüttert wird).

Nur selten werden bei einem solchen Treffen operative Entschlüsse gefaßt, wie dies zum Beispiel 1978 am Ende des Bonner Gipfeltreffens der Fall gewesen ist. Damals kam es zu einem ausgewogenen Beschlußpaket: Ihrerseits verpflichteten sich Japan und Deutschland zu einem stärkeren Haushaltsdefizit, um damit den Welthandel anzureizen; die USA hingegen verpflichteten sich zu dem längst fälligen Kurswechsel in ihrer Energiepolitik, der über höhere Binnenpreise zu einer starken Energie-Einsparung führte und damit allen Erdöl- und Erdgas-importierenden Staaten zugute kam

US-Boom hilft der Weltwirtschaft