Man sieht ihm, wie man so sagt, sein Alter nicht an. Naturkrause hat er, und das ermöglicht einen modernen Haarschnitt. Sämtliche Examen bestand er mit gut bis sehr gut. Obgleich er seine Leistungen nicht überbewertet, hält er sie im Ganzen doch für außerordentlich befriedigend. Er braucht keinen Mittagsschlaf und kann auf einen Hausarzt verzichten. Im Ausland ist er dreisprachig unterwegs, und sein Selbstbild weicht von seinem Wunschbild nicht erheblich ab. Was könnte aus dem Mann noch alles werden: Manche Türen bleiben ihm aber verschlossen; denn er ist Junggeselle.

Auf Befragen, und das passiert fast jede Woche, versicherte er ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit, daß er weder Witwer noch geschieden ist, auch nicht für uneheliche Kinder zahlen muß – und das gehört unbedingt dazu – weder verklemmt noch homosexuell ist. Man solle sich ruhig überall erkundigen, fügt er sicherheitshalber hinzu. Auf diese Weise verschafft er sich unter Männern Neider, und Frauen melden sich nachher öfter bei ihm, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Er macht es sich allerdings nicht zu bequem. Seine Neugier gilt schließlich nicht dem reinen Lustleben, sondern er will nur so bleiben‚ wie er ist.

Und weil es immer wieder zu denselben Fragen, Antworten und Folgen kommt, fügt er jedesmal für sich hinzu, könnte ich höher aufsteigen, doch die Ehefrau fehlt. Hätte ich aber eine, könnte ich mich ohne weiteres scheiden lassen oder getrennt von ihr leben und zu einer Freundin ziehen; Lebensgefährtin würde man sie dann nennen, ganz offiziell, das ließe sich zwei bis dreimal wiederholen, und mein Weg nach oben wäre gesichert.

In seiner Personalakte ist ledig rot unterstrichen. Unter Umständen bildet er sogar ein Sicherheitsrisiko. Heiratet er aber plötzlich doch noch, würde das die Unsicherheit auf beiden Seiten nur erhöhen; entweder betrachtet man es als verspätetes Alibi für Wohlverhalten, oder stellt es einfach als Tarnungsmanöver hin. Dieser Mann verzichtet rigoros auf Steuervorteile, hält Liebe für ein gewaltiges Stück Arbeit und sucht in den Freiräumen unserer fortschrittlichen Gesellschaft vergeblich einen angemessenen Platz zum unverdächtigen Aufenthalt als Alleinstehender.

Und fragt er sich, warum Soziologen und Psychologen ihn und seinesgleichen im Stich gelassen haben, fällt ihm wieder ein, daß er seine Nachbarn stets zuerst grüßen muß, denn sie behalten ihn immer im Auge.