Von Anne Linsel

Zwei Daten in seiner zwölfjährigen Politikerlaufbahn bleiben Olaf Schwencke mit Gewißheit unvergeßlich: der 16. Februar 1978 und der 29. März 1979. Auf dem Höhepunkt des Terrorismus in der Bundesrepublik hielt der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete eine Rede gegen die von der Regierungskoalition geplante Verabschiedung der "Antiterrorismus-Gesetze", weil er um die "atmosphärische Liberalität in unserer Republik sehr besorgt" war. Er werde, sagte Schwencke damals, gegen sein Gewissen zustimmen, um die Koalition nicht zu gefährden, um nicht noch schärfere Gesetze der Opposition zu ermöglichen. Am Ende seiner Rede rührte sich im Hohen Haus keine Hand zum Beifall, eiserne Mienen begleiteten Schwencke, als er zu seinem Platz ging.

Ein Jahr später debattierte der Bundestag die Verjährung von Nazi-Morden. Olaf Schwencke sagte in einem leidenschaftlichen Plädoyer gegen eine Verjährung der Nazi-Greueltaten: "Das wäre ein zutiefst amoralischer Akt", der "eine Verhöhnung der Opfer" bedeuten würde und "im Blick auf den Widerstand von Sozialdemokraten und Kommunisten, von Bekennenden Christen und anderen im Kampf gegen den Faschismus auch unhistorisch wäre". Im Protokoll ist am Ende der Rede vermerkt: "Beifall bei allen Fraktionen."

Die Reaktionen, auf die beiden Reden kennzeichnen die Klimastürze, denen unbequeme Politiker auch in der eigenen Partei ausgeliefert sind: dem "Abweichler" und "Terroristen-Sympathisanten" zollte man andererseits wieder tiefen Respekt. Seit dem Tag, an dem Schwencke seinen Entschluß bekannt gegeben hat, nicht mehr für das Europa-Parlament zu kandidieren, weht ihm aus seiner Partei wieder frostiger Wind entgegen.

1936 in Pinneberg geboren, aufgewachsen in einem protestantisch-liberalen Elternhaus, studierte Schwencke neben Germanistik und Soziologie auch Theologie, ging nach Promotion und Forschungsarbeit (Spezialgebiet: spätes Mittelalter) 1969 als Studienleiter für Bildung an die Evangelische Akademie in Loccum. Dort kümmerte er sich vor allem um kulturelle und kulturpolitische Themen und Tagungen.

1972, "in einer Zeit der Euphorie, als wir die 68er Ideen – mehr Demokratie, mehr Mit- und Selbstbestimmung – in die Tat umsetzen wollten", ließ er sich für den Bundestag nominieren, nachdem er vorher in Ortsvereinen, Stadt- und Kreisparlament politische Basisarbeit gelernt hatte. Der Bundestagskandidat Schwencke erhielt jenen nieaersächsischen Wahlkreis, in dem auch Gustav Heinemann zum erstenmal für das Bonner Parlament kandidiert hatte. Ein symbolträchtiger Zufall: Gustav Heinemann, der Protestant und Politiker, faszinierte und prägte Olaf Schwencke schon in jungen Jahren.