Die Fäden der Seidenraupen und Spinnen sind sich sehr ähnlich. Und doch trägt niemand Kleider aus Spinnweben, während Seide nach wie vor hoch im Kurs steht. Der Grund dafür liegt weder im schlechten Ruf des – pfui Spinne! – einen Produkts noch in der Schwierigkeit, Spinnfäden einzusammeln: Diese Naturfasern besitzen, wie drei Wissenschaftler nun herausgefunden haben, einige ungewöhnliche Eigenschaften, die sie für menschliche Kleidung sicher unbrauchbar machen – und möglicherweise auch den Spinnen selbst Probleme bereiten.

Spinnfäden verhalten sich nämlich wie Gummi, wenn sie in Wasser getaucht werden, berichten John Gosline und Edwin DeMont von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver zusammen mit ihrem amerikanischen Kollegen Mark Denny von der Stanford-Universität in der englischen Wissenschaftszeitschrift Nature. Die feucntgewordenen Fäden schrumpfen auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Länge zusammen und werden dabei sehr elastisch. Spinnen sind deshalb gut beraten, ihre Netze nicht im Regen zu weben.

Solche Gummifäden scheinen wenig nützlich zu sein. Und doch haben sie gegenüber Seidenfasern Vorteile – Vorteile, die dem Lebenszweck der Spinnen sehr entgegenkommen. Bei Trockenheit und normalen Temperaturen ist ein Spinnfaden steif und sehr fest, zehnmal fester als so zähe Bio-Materialien wie Zellulose, Chitin und Kollagen. Gleichzeitig besitzt der Faden eine gewisse Elastizität, weshalb eine Spinne sich fallen lassen kann, ohne daß der Faden bricht oder das Tier abrupt abbremst. Es scheint fast so, als sei die Gummihaftigkeit im Regen der Preis, den die Spinnen zahlen müssen, um bei trockenem, mildem Wetter einen für sie so brauchbaren Faden spinnen zu können.

Wie alle Seidengewebe bestehen Spinnfäden aus Eiweißmolekülen (Proteinen), von denen manche Kristalle bilden, andere jedoch in ungeordneter, amorpher Form vorkommen. Wenn ein Faden ins Wasser getaucht wird, können die langen Proteinketten in den amorphen Abschnitten übereinanderrutschen. Dabei rollen sie sich auf, wodurch der Faden schrumpft und Gummieigenschaften bekommt.

Der Unterschied zwischen Spinnfäden und anderen Seidenfäden liegt offensichtlich in den sehr viel größeren Abschnitten mit amorphen Proteinen beim Spinnenprodukt. Dies führt zwar zu den gummiartigen Eigenschaften in Wasser. Aber bei Trockenheit scheinen die zusätzlichen amorphen Abschnitte Vorteile zu haben.

Gosline und seine Kollegen nehmen an, daß die Eiweißmoleküle im kristallinen Zustand einen sehr steifen Bestandteil des Fadens bilden. Die amorphen Proteine dagegen sind – obwohl bei Trockenheit sehr viel steifer als in Wasser – flexibel genug, um den Fall einer Spinne weich abzubremsen. Die Struktur des Fadens gleicht dem Aufbau mancher künstlicher Fasern wie etwa Nylon: beide sind aus relativ flexiblem Material, das durch zähe Fasern verstärkt und damit reißfester wird.

Judy Redfearn