Ein Buch regt zum Nachdenken über den Strafvollzug an: Stellen Sie sich vor, Sie wären eingesperrt

Der Leser stelle sich vor, er würde in einem Zimmer eingesperrt. Eine einfache Versorgung sollte gesichert sein. Er würde eine einfache Beschäftigung erhalten. Einmal am Tag könnte er etwa eine Stunde ins Freie gehen. Während der Arbeit und Freizeit sind Kontakte mit anderen Personen gleichen Geschlechts möglich, die recht willkürlich ausgesucht sind und sich in ähnlicher Situation befinden. Besuche von Angehörigen kämen in der Regel einmal monatlich für kurze Zeit und in einer Situation, die eher Distanz als Nähe schafft. Der Leser bliebe unter diesen Verhältnissen einige Monate, zwei, drei, fünf, zehn Jahre oder auch mehr.“

So regt ein wissenschaftlicher Autor in einem neuen Buch Phantasie und Mitdenken seiner Leser an. Er will sie in eine deutsche Haftanstalt versetzen, „unter die wesentlichen Bedingungen des geschlossenen Vollzugs“.

Der Buchautor fragt dann seine Leser: „Wäre zu erwarten, daß nach Ihrer Entlassung etwaige persönliche Fehler gemindert oder gar verschwunden sind? Oder: Man habe vorher gestohlen, betrogen, jemanden umgebracht. Was an den vorgestellten Umständen zwänge, diese Taten künftig nicht zu wiederholen?“

Der dieses verblüffende Gedankenexperiment mit dem vernichtenden Ergebnis seinen Lesern zumutet, ist der 54jährige Abteilungsleiter in der Vollzugsanstalt München, Georg Wagner. Er hat Mathematik und Pädagogik studiert, dann Psychologie. Seit 1963 ist er Psychologe im Strafvollzug, seit 1973 Lehrbeauftragter für gerichtliche Psychologie an der Universität München.

Nicht studiert hat er: Rechtswissenschaft. Dann nämlich wäre dieses aufregende Buch nicht entstanden. Ein Jurist ist nach seinem langen Studium zu befangen, in dem System, in dem er arbeitet, noch Absurditäten zu entdecken. Daher schieben die Juristen solche Erörterungen auch unwillig beiseite (Georg Wagner, Das absurde System, Verlag C. F. Müller, Heidelberg). Wagner weiß, daß unbequeme Auffassungen auf diesem Gebiet meist folgenlos bleiben, und so durchzieht dieses Buch trotz zwingender Gedankengänge, die die Absurdität konturenreich herausarbeiten, ein Hauch von Resignation.

Wagner nimmt sich in dem 190-Seiten-Werk zunächst das Strafurteil selbst vor, die Verurteilung zur Freiheitsstrafe. Er kratzt an der These von der professionellen Überlegenheit der Richter und kann schlüssig auflisten: Schon der strafrechtliche Sachverhalt wird auf problematische Weise gefunden; die strafrechtliche Schuld ist eine ideologische Chimäre, und ganz und gar willkürlich ist die Strafzumessung: Man hat fertige Fälle Richtern vorgelegt und unglaubliche Abweichungen in ihren Strafzumessungen festgestellt. Eine „Projektion des Strafwunsches“ nennt Wagner die Strafzumessung.