Von Heinz Josef Herbort

In Karlheinz Stockhausens soeben in Mailand uraufgeführter Oper „Samstag aus LICHT“ endet die dritte Szene, „Luzifers Tanz“, ziemlich ungewöhnlich. Einer der Posaunisten, der „Orchestervorstandsvertreter“, steht plötzlich auf und bedeutet dem Dirigenten: „Wir sind schon über die Zeit.“ Die Musiker wollen nur weiterarbeiten, wenn die Überstunde bezahlt wird. Die Direktion wird gerufen, langes Palaver, die Direktion will nicht bezahlen, die Musiker packen ihre Sachen und gehen – ganze neunzehn Takte wären noch zu spielen gewesen.

In Mailand wurde das für eine mehr oder weniger subtile Rache Stockhausens gehalten. Der hatte vor drei Jahren ohnmächtig zusehen müssen, wie der Chor der Mailänder Scala sich weigerte, bei der Uraufführung der ersten Stockhausen-Oper mitzuwirken, weil er angeblich vier Minuten solistisch aufzutreten hatte, aber die entsprechenden Sonderhonorare nicht kassieren durfte. Tatsächlich aber lieferte dem Komponisten die Idee zu dieser Eklat-Szene die Realität selber: „Ich habe“, sagt Stockhausen, „diese Stop-Uhr-Mentalität deutscher Orchestermusiker oft genug erfahren.“

Man kann relativ leicht und schnell erraten, wen Stockhausen da wohl im Auge hatte. Ein Orchester allerdings, das in diesen Tagen nicht nur bei Musikern außerordentliche Beachtung findet, hat Stockhausen höchstwahrscheinlich nicht gemeint: das Berliner Philharmonische Orchester. Dieses führende deutsche Ensemble machte sich nämlich um den wichtigsten deutschen Komponisten vornehmlich dadurch verdient, daß es ihn so gut wie ignorierte. „Hymnen“ (1972), ältere Chöre, Lieder und „Spiel“ (1975), die Auftragskomposition „Jubiläum“ (zum hundertjährigen Bestehen 1982) – das war es.

Was nicht bedeutet, daß die Berliner Philharmoniker nicht ganz genau wüßten, wann die Uhr was geschlagen hat. Gerade jetzt.

Am Anfang war der Vertrag. Für die ersten Philharmoniker – damals hießen sie noch „die Herren Richard Müller und Genossen“ – bedeutete er, 1883, noch beinahe eine Leibeigenschaft: „...verpflichten sich hierdurch, in der von ihnen eingegangenen Orchester Gemeinschaft... zu verbleiben. Der akademische Kapellmeister verpflichtet sich ... monatliches Honorar, zahlbar in halben Monatsraten postnumerando zu gewähren ... Die Herren ... verpflichten sich ... jeden Montag, Freitag und Sonnabend ... außerdem für die erforderlich gehaltenen Proben zur Verfügung zu stehen.“

Da war der „Generalmusikdirektor“ noch wer: Arbeitgeber und Künstlerischer Leiter zugleich. Er „durfte“: „Verstärkungen engagieren“, Nebendirigenten „bestätigen“, über die „Aufnahme neuer Kräfte in das Orchester im Einverständniß mit dem Orchester-Vorstande Entscheidungen treffen“. Die Herren Müller und Genossen hingegen verpflichteten sich, „kein Engagement ohne seine Zustimmung anzunehmen“; nur des sonntags, dienstags, mittwochs und donnerstags durften sie – „jedoch nur in ihrer Verbindung als geschlossene Orchester Gemeinschaft“ – „für eigene Rechnung ...concertiren“.