ARD, Montag, 11. Juni: „Grand mit Vieren“, das erste dreier Fernsehspiele „am Rande der Autobahn“ unter dem Gesamttitel „Frankfurter Kreuz“.

Nun, so scheint es, ist sie endgültig vollzogen, die geistig-moralische Wende im Fernsehen; der Abend für den scheidenden Bundespräsidenten, an dem Käpt’n Good Bye gesagt wurde (Good bye, Könnerschaft, Niveau und Geschmack), leitete in Wahrheit eine neue Ära ein; nun gibt’s kein Halten mehr, und alles ist möglich.

Alles, also auch Sendereihen vom Schlage des „Frankfurter Kreuz“. Mein Gott, war das komisch: Wie da eine Oma die Zechprellerin zu spielen schien, obwohl sie gar keine war; wie ein Ehepaar nach zwanzig Jahren noch einmal trampend und Isetta fahrend nach Italien aufzubrechen versuchte; wie ein Kellner, eine Seele von Mensch, mit der Oma zu Rande kam, obwohl die alte Dame einen Fußball mitten ins Küchenporzellan geschossen und sich zu alledem auch noch auf der Herrentoilette eingeschlossen hatte, zu Häupten von Männern, die mit gekonntem Knicks ihr Pissoir-Geschäft beendeten. Umwerfend heiter, das Ganze – und so unterhaltsam! Ein Teufelsweib, diese Großmutter, die zum x-ten Mal ihre Handtasche vergißt („ich hab’ dir, ja gesagt, Emmi, die läßt sie wieder stehen, auf der Bank“) und das ihr vom Ober für’s Damenklo geliehene Geld kurzweg am Spielautomaten vergeudet! Und dann der ominöse Herr von Hutter, der sich, vierzig Minuten lang angekündigt, im Finale als des Königs reitender Bote erweist, der nicht nur die Großmutter, sondern auch die beiden Isetta-Fahrer (inzwischen längst ein strammes Unternehmer-Paar) im Wohnmobil mit nach Italien nimmt, weil der Herr Kabinenroller-Fahrer a. D. Skat spielen kann und die Oma und die Unternehmersgattin offenbar auch, so daß sich, wer gibt setzt aus, ein Grand mit Vieren spielen läßt, in südlichen Zonen.

Ja, so etwas nennt sich Unterhaltung bei uns: Bescheidene Situationskomik, mühsame Verzahnung von Handlungssträngen, kein Drehbuch, keine Regie, Schauspieler, die nicht wissen, wohin – der bare Dilettantismus! Ein Schwindelunternehmen von der Art jener Sportberichte in der Saure-Gurken-Zeit, die mit dem Satz angekündigt werden: „Obwohl König Fußball seine Ruhepause hat, ist es uns gelungen, Ihnen ein abwechslungsreiches und interessantes Programm zusammenzustellen. “ Von wegen Grand mit Vieren – ein mieser Null ouvert war’s: Damen und Könige zuhauf!

Und das ganze dann am Abend des Tags, an dem Enrico Berlinguer starb:

Kein Kommentar hat ihn begleitet; keine Sondersendung, den Eurokommunismus betreffend, wurde von intelligenten, ihrer Verantwortung im Rahmen des öffentlichrechtlichen Fernsehens bewußten Redakteuren ins Programm genommen – obwohl man doch schon oft aus geringem Anlaß bedeutende Beiträge, und das gleich mehrfach (an Horst Krügers Frankfurt-Bericht sei erinnert), hinausexpedierte.

Welch eine Chance, am Pfingstmontag, das klägliche „Frankfurter Kreuz“ abzusetzen und stattdessen zu zeigen, daß es noch Journalisten von Rang und Problembewußtsein in unserem Land gibt, Frauen und Männer, denen es Spaß macht, sich raschen Herausforderungen zu stellen!