Daß sich die Chaplins einst über meine Kunststückchen amüsierten – das ist lange her: auf dem Rasengelände ihres riesigen Parkes in Vevey. Monsieur Chaplin war ein gravitätischer Patriarch und ich ein hippeliger Junge, der durch Europa trampte. Eins von seinen Kindern, die damals elf- oder zwölfjährige Viktoria, wollte zum Zirkus. Sie war die einzige aus der Familie, die heftig in die Hände klatschte, um zu applaudieren.

Jetzt habe ich mich endlich revanchiert. Dreimal war ich in ihrem "Cirque Imaginaire", der, nach seinen Erfolgen in Paris, London, Rom und Mailand, bis zum 1. Juli lang in Hamburg auf dem Gelände der ehemaligen Kampnagelfabrik gastierte. Diesmal war ich es, der heftig geklatscht hat. Denn Viktoria Chaplin hat sich inzwischen längst aus dem lähmenden Schlagschatten, den die Weltberühmtheit ihers alten Herrn auf ihr Leben und ihre Laufbahn warf, entfernt. Mit achtzehn war sie nach Paris getürmt, traf dort und heiratete den Schausteller Jean-Baptiste Thierree, der einen eigenen Zirkus aufbauen wollte. Aber erst einmal wurde sie die Assistentin seiner eher konventionellen Zaubervorstellungen in Nachtclubs und auf der Straße, bevor sie mit ihm ihren "Cirque Imaginaire" erfand, erträumte.

Die artistische Arbeitsteilung in ihrem Zwei-Mensch-Zirkus ist klar: Er mimt den Reprisenclown, der etwas plump die Pausen überbrückt, sie ist die graziöse Gesamtartistin, die das eigentliche Programm bestreitet. Mit wenigen Requisiten sehen ist sie eine vielfältige Verwandlungskünstlerin: ein paar Fächer, ein paar Schirme, manchmal schlüpft sie in eine fastnachtsähnliche Körpermaske. Als Koffer mit Beinen wieselt sie, als riesenhaftes Insekt, Stelzen an Händen und Füßen, stakst sie durch die Manege – seltsame Fabelwesen, wie aus "Alice im Wunderland" entsprungen, wie aus Bildern von Max Ernst und André Masson entwichen. Sie ist Pantomimin, Stelzenläuferin, Luftakrobatin, Seiltänzerin in einer Person.

Wie sie mit dem melancholischen Gesichtsausdruck einer Mondsüchtigen über den Steifdraht tänzelt, mal rückwärts, mal vorwärts, das hat eine kindliche Konzentriertheit, eine Eleganz, die allein den einen Unterschied macht zwischen Seiltanz und bloßem Seillaufen. Zuletzt überquert sie das Drahtseil kopfüber, an den Zehen sich haltend und hangelnd, eine somnambule Ballerina. Daß sie es ohne Netz schafft, ist schon Sensation genug. Aber Viktoria Chaplin will mehr als einen Nervenkitzel hervorrufen. Wie jedes kleine Kind, wie jeder große Künstler schafft sie eine eigene Welt, deren Sinnlichkeit mehr reizt als unsere fünf Sinne. Wenn sie als Ein-Frau-Orchester glockenklingelnd und musizierend im Rhythmus danertippelt, linkshändig (wie der Papa) Geige oder "Singende Säge" spielt, fehlt ihr das bei vielen Artisten übliche Auftrumpfende, das solchen Darbietungen die spielerische Freiheit nimmt.

Ein Paar, das gemeinsam einen Zirkus betreibt, das ist eine Chance. Das könnte sein: die erotische Versöhnung der Gegensätze, zirzensisches Spiel, als clowneskes Theater. So nah sich Thierree und Viktoria Chaplin als Gefährten sind, so klaftertief voneinander entfernt sind sie als Artisten. Sie verkörpert die Welt der Kunst, er eher die Welt des Kommerzes, die Aura des abgewichsten Bettelzirkus, die muffige Luft des Nachtclubs. Sie arbeitet ohne Netz, er mit doppeltem Boden. Ihre Kunststücke sind allein für sie typische, unverwechselbare Erfindungen, seine Trickkiste entstammt dem Fundus des Zaubergeräte-Versandhandels. Mit einem schwarzen Umhang kommt er in die Manege, geschminkt wie der exotische Vogel, der auf seinem Arm sitzt. Er schaut ihn an, als hätte er einen Spiegel in der Hand, immer wieder, als könnte er die Ähnlichkeit nicht fassen. Hier gelingt ihm ein einziges Mal die Annäherung.

Natias Neutert