Wann, wie oft und aus welchen Anlässen Kanzler in Bonn vor die Bundes-Pressekonferenz kommen, hat immer zu den Gretchenfragen für sie und ihre "Verkäufer" gezählt. Spätestens wenn’s mit ihnen bergab ging, drängten die Medienberater sie zu solchen Auftritten – aber gewiß nicht nur dann. Es gibt dafür keine Faustregeln, nur einen wichtigen Hinweis: Man muß nach Gehör spielen.

Eine Prämisse allerdings ist fast immer beherzigt worden: Entweder macht der Kanzler in einem Anfangs-Statement klar, worum es ihm vor allem geht, oder er nutzt das Frage- und Antwortspiel, um die Botschaft loszuwerden, die er loswerden möchte.

Die Stimmung: Nach diesen Gesichtspunkten hat Helmut Kohl am Donnerstag vergangener Woche allen Journalisten ein Schnippchen geschlagen. Er eilte wirbelnd und zeilstrebig wie immer in den Saal der Bundes-Pressekonferenz, als brenne ihm etwas unter den Nägeln, nahm neben Peter Boenisch Platz – und ließ verkünden, von sich aus habe er nichts mitzuteilen, die Journalisten möchten bitte gleich zu Fragen kommen. Geraune ging durch den Saal.

Siebzig Minuten habe er Zeit, ließ Kohl weiter mitteilen. Wieder Seufzer und Geraune. Aber immerhin, die Pressekonferenz kam dann ein bißchen mühsam über die volle Siebzig-Minuten-Runde.

Wundern konnte der Kanzler sich jedenfalls nicht, daß er nach diesem Auftakt zuerst gefragt wurde, ob er bei seinem Treffen mit dem Bundestrainer in Paris einige Gemeinsamkeiten entdeckt und ob Derwall ihm etwas über seine Rücktrittspläne verraten habe.

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Motive: Vielleicht hatte Kohl einfach in der Nase, daß die Europawahlen die Regierungsparteien und besonders die FDP spürbar treffen würden? Das wäre ein Motiv für diesen Auftritt. Jedenfalls brachte er gleich die Sprache auf die FDP und Otto Graf Lambsdorff, gegen die er ein Komplott witterte.