Braunschweig

Da steht er nun, der Braunschweiger Löwe, hoch erhobenen Hauptes, mit weiten, kräftig lilafarbenen Tüchern verhüllt im großen Repräsentationssaal des Altstadtrathauses. Einst ein herzogliches Wahrzeichen für Stolz, Gründerwillen und Macht, ist er heute eingefangen für die Etikette und das Protokoll bürgerlicher Verbände, dienstbar gemacht als Touristenattraktion und Stadtreklame: Unausweichliches Ende eines altersschwach gewordenen Denkmals? So scheint es.

Der Braunschweiger Löwe, ein Denkmal von einzigartigem Rang, ist die früheste mittelalterliche Freiplastik. Eine Gipskopie steht im Victoria- und Albert-Museum in London; vor dem Dom in Ratzeburg, vor dem in Lübeck und gar in doppelter Ausführung vor der Kaiserpfalz in Goslar warten Doppelgänger der welfischen Bestie auf. Auch die Nationalsozialisten nutzten den Löwen, um ihre Größe zu demonstrieren. 1936 wurden Kopien für Hitlers Berchtesgadener Berghof und Görings Prachtsitz Karinhall angefertigt; eine dritte Kopie steht heute im niedersäcnsischen Landesmuseum.

Es gibt kaum ein Kunstwerk von so großer Popularität wie den Löwen. In Braunschweig vergleicht man ihn gern mit den berühmten Pferden von San Marco. Aus Vorbildern bronzener Kleinplastik wurde diese erste monumentale (Hohl-) Plastik entwickelt. Als „Handgemal und Rugenstein“ stand das Kunstwerk für die Gerichtshoheit der Weifenherzöge.

Heute ist der Löwe ein Teil Braunschweigs, seiner Bürger, seiner Firmen und seiner Verwaltung geworden. Fährt man mit dem Zug in die Stadt ein, sieht man ihn auf Brandwänden in einer MAN-Werbung. Geht man durch die öden, breiten Bahnhofsgänge, grüßt eine Neonreklame: „Willkommen in der Löwenstadt Braunschweig“. Auf dem Burgplatz schließlich steht er – aber nicht mehr leibhaftig, nur als Kopie.

Noch 1966, als der Burglöwe seinen 800jährigen Geburtstag feierte, hatte niemand bemerkt, wie heruntergekommen er war. Ein liebgewonnenes, doch wenig beachtetes Denkmal: armselig geflickt, kaum gepflegt, reckte er oben auf seinem Sockel die Nase in Auspuff- und Industrieabgase. Erst elf Jahre später fühlte sich die Stadt aufgerufen, den desolaten Zustand zu beheben. Der Löwe sollte von seinem Sockel geholt und restauriert werden. Als dies bekannt wurde, protestierten die Braunschweiger Bürger. Sie wollten – plötzlich aufmerksam geworden – den Löwen weiter an seinem Platz sehen. In der Verwaltung, die den kranken Löwen von seinem steinernen Unterbau lösen wollte, sahen sie nur Tempelschänder. Ratsmitglieder aller Fraktionen – in Löwenangelegenheiten ruht in Braunschweig der politische Parteienzwist – wetterten gegen das Vorhaben.

Der Widerspruch verzögerte das Verfahren. Erst im Juli 1980 wurde der alte Löwe gegen ein in Süddeutschland für 40 000 Mark gegossenes Duplikat ausgetauscht. Kranzgeschmückt, von wehmütigen Grußworten begleitet, wurde er vom Domplatz in die Werkstatt des städtischen Museums gebracht. Voller Mißtrauen betrachteten die Braunschweiger ihr neues, mit künstlicher Patina retuschiertes Wahrzeichen.