Geschickt verteidigen die Magyaren ihre Reform und die Beziehungen zum Westen

Von Christian Schmidt-Häuer

Budapest, im Juni

Ist Ungarn, Gastgeber von Bundeskanzler Kohl in dieser Woche, ein sozialistisches Wunderland, das seine Vergangenheit bewältigt hat und seine Zukunft teilprivatisiert – angstfrei im Innern, fast furchtlos nach außen? Hat der 72jährige Janos taugte, der dem Dramatiker Julius Hay nach 1956 nur zum "Zauber des müden Kompromisses" taugte, heute den ungarischen Zauberwürfel gefunden, um für sein Land die verqueren Kräftefelder der weltweiten Wirtschaftskrise und der Ost-West-Spannung mit geheimnisvoller Magie zurechtzurücken?

Nur wer die Narben des Jahres 1956 im Budapester Zentrum von früher kennt, findet sie noch unter dem fast westeuropäischen Konsum-Gepränge, das die Stadt über der Donau mit der Urbanen Silhouette einstiger Residenzträume von der Mathiaskirche über den Burghügel zum Gellertberg heute entfaltet. Hinter den von Österreichern finanzierten Luxushotels an der Pester "Wasserfront" schieben sich die Passanten durch Osteuropas mondänste Einkaufsstraße, die Vaći ucta: japanische Hifi-Türme, Kameras aller Weltmarken, Perserteppiche, westliche Kreditkarten an den Ladentüren. Gedränge, Schlangen – aber nicht vor Fleischerläden, sondern vor Bijouterien und den Pariser Galerien am Felszabadulas-Platz.

Die 1981 eingeführte Verpachtung von Boutiquen, Antiquariaten, Gaststätten, Reparaturwerkstätten an Privatleute erreicht zwar nur einen winzigen Personenkreis und einen geringen Produktionswert – aber die schöpferische Extravaganz, die in fast jedem Magyaren steckt, hat ein paar tausend exotischer Blüten getrieben. Selbst der halbverfallene Wasserturm auf der Margarethen-Insel fand bei den fast allwöchentlichen Versteigerungen seinen privaten Pächter. "Viktoria" nennt ein offenbar gut betuchter Bürger der Volksrepublik Zentrum, das erste private Hotel im Budapester Zentrum, in das er umgerechnet zwei Millionen Mark steckt. Mitterand und Craxi speisten bereits im halbprivaten Gartenlokal Margarethen, dessen Pächter jetzt den ganzen Straßenzug zu einer Art Mini-Grinzing ausbauen will.

Zum billigeren Angebot der Pächter gehören "Hamburger", Heiratsvermittlungen und Hinterhofkinos mit (eingeschmuggelten) westlichen Video-Kassetten. Eine Abweichung von Lenins Zielsetzung – der nach dem Sieg des Sozialismus die Bedürfnisanstalten mit Gold tapezieren wollte, um den künstlichen Wert des bourgeoisen Edelmetalls zu entlarven – dokumentiert die öffentliche Toilette der Metro-Station am Batthyany-Platz. Ein privater Pächter hat sie mit Postern, Musikberieselung und Blumentöpfen ausgestattet.