ARD, Donnerstag, 28. Juni, 20.18 Uhr: „Die Nacht der langen Messer“ von Hugh Greene

Man sieht: Ein paar Männer, mit unscharfen Konturen, werden eilig vor einen Sandhaufen getrieben, einer reißt noch den Arm hoch, schreit: „Es lebe Deutschland“, dann eine Salve, die Körper fallen. Es sind nachgestellte Aufnahmen, und doch wirken sie authentischer als die Melange der Wochenschau- und Parteitagsszenen: bedrückend-gespenstische Bilder eines blutigen Ereignisses, von dem es weder Photos noch Filme gibt: des sogenannten Röhmputsches, dieser Bartholomäusnacht des Dritten Reiches, jenes 30. Juni vor fünfzig Jahren, an dem auch dem letzten Bürger in Deutschland klarwerden mußte, daß man von Verbrechern regiert wurde.

Der Film, vor drei Jahren in der BBC uraufgeführt, lebt von der persönlichen Note seines Autors, der auch den deutschen Kommentar selber spricht: Sir Hugh Carleton Greene. Er ist auf mehrfache Weise Deutschland und seiner Geschichte verbunden: als Liebhaber deutscher Literatur, als Korrespondent im Berlin der dreißiger Jahre, als Leiter der deutschen Sendungen aus London im Krieg, danach als Gründer des Nordwestdeutschen Rundfunks. Er hat die Stätten des Verbrechens aufgesucht: das Hotel am Tegernsee, das Gefängnis Stadelheim, die Kadettenanstalt Lichterfelde. Und er brachte Mittäter, Zeugen und Opfer zum Reden, was ihm als Engländer besonders leichtfiel: Selbst schuldige Nazis vertrauten seiner Fairneß.

Sein Film ist nicht ganz frei von Anachronismen und historischen Ungenauigkeiten, aber hat eine innere Wahrheit, ist unbestechlich im Urteil. Hitler wird nicht, wie es neuerdings Mode ist, entschuldigt, sondern bleibt deutlich als der letztlich Verantwortliche für das Morden (das von einem konservativen Justizminister nachträglich für rechtens erklärt wurde). Doch werden auch die Kräftefelder, innerhalb deren Hitler handeln mußte – hier die Reichswehr, dort die unbeschäftigte Parteiarmee, die SA – sichtbar.

Greene erinnert sich der zufriedenen Gesichter einiger Generäle, als Hitler, in einer schrecklichen Rede, vor dem Reichstag die Mordbilanz zog. Widerspruchslos hatten sie die Ermordung zweier Kameraden hingenommen: Einer wurde mit seiner Frau am Schreibtisch niedergeknallt, der andere vor seiner Haustür. Greenes Kommentar: Von nun an wußte Hitler, daß er von seinem Heer nichts mehr zu befürchten hatte. Mit dieser Klarheit hätte man es, aus deutschem Munde, gern schon gehört, als alte Kameraden die Bundeswehr aus der Taufe hoben.

Karl-Heinz Janßen