Also: von Europa haben wir erst mal genug. Zu schön waren die Werbefilmchen, Abend für Abend. Wer durch Europa reist, kennt die Wirklichkeit, von der die Europameister im Lächeln, die da nach der Tagesschau bei uns hereinschauten, keine Ahnung haben. Stecken die Politiker nie im Stau vor Schlagbäumen der Grenzen mitten durch die EG? Verschwinden ihre Pässe nie in elektronischen Überwachungs-Apparaturen, die an ein Kriminalamt angeschlossen sind? Werden ihre Koffer nie gefilzt?

Wie schäbig ist die europäische Realität: Muß doch der Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Karl von Wogau, im dreiunddreißigsten Jahr der Europäischen Gemeinschaft tatsächlich der EG-Kommission die Bitte vortragen, "Bücher und sonstige Veröffentlichungen, die für öffentlichen Bibliotheken bestimmt sind, innerhalb der EG gänzlich von der Einfuhrumsatzsteuer zu befreien."

Schlimmer waren die Sorgen der Bücherhüter, die sich vom 12. bis zum 16. Juni in Bielefeld auf dem "74. Deutschen Bibliothekartag" getroffen haben: Die Sparpolitik, die schon verheerende Folgen in den Magazintürmen der Büchereien hat, wirkt sich nun in Ausleihe, Registratur und wissenschaftlicher Arbeit aus. Die Bundesanstalt für Arbeit konnte 1980 den 405 arbeitslos gemeldeten Diplom-Bibliothekaren noch 106 offene Stellen anbieten; drei Jahre später könnten sich 965 arbeitslose Bibliothekare um ganze 32 Stellen schlagen. Jetzt sind bereits wissenschaftliche Bibliothekare des höheren Dienstes unter den Arbeitslosen. In Stuttgart haben 62 Absolventen des Studienganges Bibliotheks- und Dokumentationswesen der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung auf 1650 Anfragen und Bewerbungen 1450 Absagen erhalten. Nur 28 Studenten erhielten eine Stelle (davon 10 befristete, 3 Teilzeit-Stellen).

Wenn die Zukunft eines Volkes auch in seiner (gut ausgebildeten) Jugend liegt, ist die Bundesrepublik dabei, den Weg in ein Morgen zu untergraben. Die neuesten "Verfügungen" von Ministern, die ihre in einem Kauderwelsch aus falschem, schlechtem Deutsch und bürokratisch verfaßten Erlassen mit den Wörtern "Bildung, Wissenschaft, Kunst, Kultur" im Briefkopf adeln, müßten zu denken geben.

Da lamentieren Kongresse landauf, landab über die vom Fernsehen verblödeten Kinder, die nicht mehr die Geduld haben, eine Seite im Buch zu lesen. Und was rät die "Rundverfügung" (37/84 vom 29. März) des Bremer "Senators für Bildung, Wissenschaft und Kunst" den Schulen des Stadtstaates? Weil "gespart" werden muß, soll wieder einmal bei den Kleinsten, Ärmsten, Schwächsten begonnen, "also dem einzelnen Schüler nicht mehr für ein ganzes Schuljahr die Ausgabe eines Lernbuches überlassen" werden. Wie soll ein Schüler, der vielleicht zu Hause kein Buch in die Hand bekommt, zum Lesen, also Denken, also Arbeiten erzogen werden, wenn man ihm, kaum hat er – womöglich – Freude an der Fibel gefunden, das Buch aus den Händen windet?

Da fügt es sich ins Bild, daß eines der Länder mit den meisten Arbeitslosen, Schleswig-Holstein, den Etat für Lernmittelfreiheit, also für kostenlose Schulbücher von 1983/84 auf 1984/85 um die Hälfte kürzt (von 24 auf 12 Millionen). So ähnlich sieht es in fast allen Bundesländern aus.