Von Ludwig Hang

8. Juni

Die älteste Herberge der Schweiz hat fünf Sterne, vier Fahnen und heißt "Drei Könige": Kaspar, Balthasar und Melchior stellen außen auf Steinpodesten unter dem Balkon im dritten Stock, und innen am Ende der ersten Treppe auf großem Plüschteppich stehen sie noch einmal. Siebzig Dichter aus fünf Ländern haben sich hier in Basel versammelt, um auf Einladung der Stiftung Bahnhof Rolandseck einen fröhlichen Pfingstausflug zu unternehmen, rheinabwärts bis nach Rotterdam. Das Fahrgastschiff "Deutschland" der Köln-Düsseldorfer Scniffahrtsgesellchaft, das für fünf Tage lang "Narrenschiff ’84" heißt, hat unter der Terrasse des Hotels an der Schiffslende festgemacht. Noch hängen die Wimpel, die Bänder, die Transparente schlaff im Wind, noch bläht der dichte Atem nicht das Narrensegel.

"Bei Knut und Bullenprügel kriegen Steine Flügel ist auf die Hotelwand aufgesprayt, kunstvoll schweizerisch, und schon frage ich mich, ob das die erste Narretei ist, die uns begegnet, so wie nämlich Sebastian Brant, der Dichter des Narrenschiffs von 1494 sie verstanden hat: als Torheit, als Laster, ab Todsünde gegen die guten bürgerlichen Sitten. In historischen Landauern und auf alten Überfallwagen der Baseler Polizei kutschieren wir durch die Stadt: hat man schon einmal etwas von Baseler Ovationen für Dichter gehört? Hat man je zuvor Erich Fried, freundlich grüßend, auf einem Überfallwagen der Polizei gesehen?

Während wir dem "Dreikönigswäglein" entlang die Treppe zum Schiff hinabsteigen, springen uns bestellte Narren an, fuchteln mit ihren Narrenkappen vor unseren Nasen herum, hauen uns ihre Narrenschellen auf die Köpfe; Muff staubt aus den Kleidern, Ralf Thenio knöpft sein helles Sommerjäckchen zu; Blut spritz von einem Schädel, Guntram Vesper mußte den Rest der Reise sein Haar noch tiefer in die Stirn kämmen. Oskar Pastior, eingekeilt in buntem Putz und Plunder, sagt: "Ich komme mir vor wie ein Irrer zwischen Ärzten in weißen Kitteln." "An meinem Seile ich nach mir zieh, viel Affen, Esel und Narrenvieh.

Ich täusche, trüge, verführe Sie" heißt es im Anfang des Narrenschiffs bei Sebastian Brant, und später singt er: "Viele Narren sind wohl reif zum drücken, die Toren sind in manchen Stücken, denen sitzt der Esel auf dem Rücken." Ja es ist ein Ziehen, und es ist ein Drücken, zuerst zieht es den Narren hinab in die Programme, und dann sind es die Programme, die ihn drücken. So sind wir plötzlich mitten im Programm, die Kabel sind gezogen, die Knöpfe sind gedrückt, Reinhart Hoffmeister moderiert, und die Narren tanzen nach seiner Pfeife, live, aber lustlos. Das ZDF macht das Programm, aber ich bin aus dem Programm gefallen, dabei dachten die Macher, ich sei der Obernarr, die Zwitschermaschine, das Reaktionsgenie. Ich stand da, brantgeschädigt und betreten, ich sollte ein Bild erklären, das die Narren mir vor die Nase hielten und ich wand mich vor der schamlosen Kamera, man hatte mich für geistesgegenwärtig gehalten, ich aber blieb dem heiligen Medium alles schuldig, stotterte und hielt meine Jacke im Arm, nein, ich war das Geld nicht wert, das das ZDF in das Unternehmen gesteckt hat.

Nachdem die Kameras ausgeschaltet sind, sitzen wir da und rätseln an unseren närrischen Motiven herum. Wer brach mit gesellschaftlichen Vorsätzen auf? Wen trieben politische Implikationen? Wem saß der Zeitgeist im Nacken? Wein fließt in Strömen, die Bar ist geöffnet. Die Analytiker forschen, es rätseln die Auguren; darf eigentlich je-, mand seiner Lust frönen, brav und absichtlos zu Pfingsten auf dem Rhein zu fahren? Darf jemand seinen Wunsch nachgehen, mit Freunden unterwegs zu sein? "Nun ja", sagt die Dame vom Deutschlandfunk, "Nein" sagt der Herr vom ZDF.