Von Carl Graf Hohenthal

In seiner sechsten Woche droht der Streik in der Metallindustrie zu einem Mahlstrom zu werden, einem riesigen Strudel, der unerbittlich alles in die Tiere reißt, das einmal in seinen verhängnisvollen Sog geraten ist. Der Stillstand der Bänder bei den meisten Automobilwerken führt in immer mehr Unternehmen zu schmerzlichen Auswirkungen. Viele Manager, die zunächst gelassen blieben, weil sie nicht an eine längere Dauer des Streiks glaubten, werden unru-

f^achdem auch VW seine Produktion eingestellt hat, sind in der deutschen Metallindustrie 400.000 Leute ohne Arbeit. Jeder siebte Metallarbeiter steht vorm Werkstor oder langweilt sich daheim. 180.000 Autos sind nicht produziert worden und jede Woche kommen weitere 60.000 hinzu. Grund genug für einige ausländische Unternehmen, auf eine Vergrößerung ihres Marktanteils zu hoffen, Jeden Tag geht der Metallindustrie eine Produktion im wert von einer halben Milliarde Mark verloren.

Im Wirtschaftsministerium, wo in den ersten Monaten dieses Jahres die Prognosen für 1984 ständig nach oben korrigiert wurden, wird die Zukunft wieder düster gemalt. Einige ausländische Kunden der Metallindustrie hätten sich schon im Ausland neue Lieferanten gesucht, heißt es dort.

Je länger der Streik dauert, desto mehr spüren ihn auch die Branchen, deren Arbeitnehmer zunächst meinten, dies alles ginge sie nichts an. Die Zulieferer der Autoindustrie waren die ersten, die getroffen wurden. Bisher habe sich die meisten zwar noch helfen können, aber das wird mit jedem Tag schwerer. Zum Beispiel die Motoren- und Turbinen-Union in Friedrichshafen: Hier werden neben anderem Gelenkwellen für Daimler-Benz gebaut. Bis jetzt brauchte niemand kurz zu arbeiten. Manche Arbeiter haben ihren Urlaub vorgezogen, die Geschäftsführung hat Überstunden abgebaut. Außerdem läuft die Teilfertigung für Motoren bislang ungebremst. Da hier noch ausreichend Aufträge vorliegen, konnten viele Zeitarbeiter zunächst dort untergebracht werden. Doch „wenn das so weitergeht, gibt es bei uns Ende des Monats die ersten Teilstillegungen“, sagt Hans-Jürgen Reuß als Sprecher der Firma.

Aber die Auswirkungen des Streiks beschränken sich schon längst nicht mehr allein auf die Metallunternehmen. Wo keine Autos gebaut werden, braucht man keine Farbe. Die Lackhersteller bekommen es zu spüren. Bereits seit dem 28. Mai wird in dem Würzburger Werk der BASF Farben- und Faser AG kurzgearbeitet. In einer anderen Fabrik des Unternehmens in Münster sieht es etwas besser aus. Obwohl zwei Drittel seines Fahrzeuglack-Geschäfts fehlen, wurde bisher niemand nach Hause geschickt. Noch werden aufgelaufene Aufträge erledigt, die sich in der Zeit vor dem Streik angehäuft hatten. Viele aus der 2300 Mann starken Belegschaft wurden vorübergehend an die Abteilungen ausgeliehen, in denen nicht Lacke, sondern Fasern produziert werden. Das Nachsehen haben die Studenten der Universität Münster: In den bald beginnenden Semesterferien wird es für sie diesmal keine Arbeit als Aushilfen geben.

Gedrosselt wird jedoch nicht nur die Lackerzeugung für Neuwagen. Auch der Absatz von Reparaturlack stockt. Claus Canenbley von der Herberts GmbH in Wuppertal: „Wenn jemand eine Beule in seinem Wagen hat, läßt er sie erst einmal drin. Die Leute sparen jetzt. Und auch die anderen Zulieferer der Autoindustrie, die zum Beispiel Lacke für Felgen bei uns kaufen, schrauben ihren Bedarf zurück.“ Herberts hat inzwischen einen täglichen Umsatzverlust von 700.000 Mark.