Von Gunter Hofmann

Peking, im Juni 1984

Der große Vorsitzende Mao liegt aufgebahrt in einem Mausoleum im Herzen Pekings, vor der Halle des Volkes, am Platz des Himmlischen Friedens, wo Chinas Herrscher sich ein neues, imperiales Denkmal gesetzt haben.

Die Halle, heißt es, immer wenn wir nachfragen, sei nur noch an einigen Tagen in der Woche geöffnet. Wir fragen immer an den falschen Tagen. Oder es heißt, sie sei nur in den frühen Morgenstunden zu betreten. Und der Andrang sei zu groß. Irgendwie umgehen unsere Begleiter das Thema. Sie reden nicht gern über Mao, über gestern, nur über heute und morgen.

Mao ist Geschichte. Die neuen Herren haben ihm seinen Platz zugewiesen (seine Frau befindet sich weiter in Haft), Betriebsgruppen, Bauern vom Land, Schulkinder lassen sich vor dem Monument knipsen. Wir kreuzen immer wieder den Platz, man muß hier vorbei, will man die Stadt rasch durchqueren. Aber gesehen haben wir Mao nicht und fast nichts über ihn gehört.

Nur Hu Yaobang, der Generalsekretär der KP Chinas, kommt einmal, zweimal auf den Toten zu sprechen. Auch Hu zählte zu den Opfern von Maos Kulturrevolution, wie viele derjenigen aus der politischen Klasse, die es nach Jahren der Selbstkritik und Erniedrigung wieder aus der Versenkung nach oben gespült hat. Jetzt ist Hu, Jahrgang 1915, vergleichsweise jung, einer der Macher und Technokraten, die das neue China bauen möchten, damals mußte er Wasserbüffel hüten. Ausdrücklich lobt er den deutschen Botschafter. Er sei ein „Wirtschaftsbotschafter“. Das ist wohl das höchste Lob, das er spenden kann.

Was Hu von Mao zitiert, sind allgemeine Grund- und Leitsätze, unverbindlich und vage. Zum Beispiel, daß es nun mal Unterschiede zwischen allen Ländern gebe und keines mit dem anderen identisch sein müsse. Keine Supermacht habe natürliche Vorrechte. Alle Länder, große und kleine, hätten Vor- oder Nachteile. China muß nicht dahin oder dorthin starren, scheint Hu sagen zu wollen, es muß „lernen, lernen, lernen“.