Hutschenreuther und Rosenthal marschieren mit konträren Konzepten in die Zukunft

Besonders gute Freunde waren sie nie, die beiden Nachbarn in der oberfränkischen Porzellanstadt Selb mit ihren 22 000 Einwohnern droben im „bayerischen Sibirien“ – schließlich sind sie harte Konkurrenten am Markt. Rosenthal und Hutschenreuther, die Spitzenfirmen der Feinkeramik in der Bundesrepublik, haben seit Jahrzehnten keine Gelegenheit ausgelassen, sich gegenseitig zu ärgern und miteinander – oft auch vor Gericht – die Klingen zu kreuzen, wenn der eine sich vom anderen plagiiert oder im Konkurrenzkampf unfair behandelt fühlte.

In ihrer Geschäfts- und Investitionspolitik haben sie sich meist deutlich voneinander abgehoben – wobei dennoch jedem von beiden der Erfolg bisher treu geblieben ist.

Nie jedoch schien die Einschätzung der Märkte durch die zwei „feindlichen Brüder“ von Selb so unterschiedlich wie in jüngster Zeit. Mitte April verkündete die Rosenthal AG im Anschluß an eine Aufsichtsratssitzung, die Planung gehe nun „primär von der Förderung des Wachstums im Wohnbereich aus“. Dies bedeutet Vorrang für Porzellan (der Marken „Rosenthal Studio-Linie“, „Classic Rose“ und „Thomas“), Glas, Haushaltskeramik und edle teure Möbel. Für die Technische Keramik sei dagegen „eine Konzentration auf zukunftsträchtige Produkte vorgesehen, ohne dabei die Finanzmittel zu überfordern“.

Fast genau einen Monat später gab Roland Dorschner, Vorstandsvorsitzender von Hutschenreuther, eine dazu nahezu konträre Zukunftskonzeption bekannt: Hutschenreuther hat nämlich bei einer strategischen Analyse mit „Sieben-Jahres-Horizont“ gemeinsam mit dem Münchner Beratungsunternehmen Höfner & Partner herausgefunden, daß der Markt der Technischen Keramik „sehr dynamisch“ sei und aufgrund der rapiden Innovation bei den Abnehmern „laufend neue Chancen“ böte. In diesem Bereich werde das stärkste Wachstum erwartet – auf dem weithin gesättigten Markt für Haushaltsporzellan werde es dagegen in der Bundesrepublik bis 1990 „keine wesentlichen Zuwachsraten“ geben. Allenfalls vom Export werden hier kräftigere expansive Impulse erwartet.

Die Hutschenreuther AG will den Umsatz von zuletzt 333 Millionen Mark, den sie im letzten Jahr um fünf Prozent steigern konnte, bis 1990 auf knapp 500 Millionen erhöhen. Dabei soll der Anteil der Technischen Keramik von heute nur rund zwölf Prozent in absehbarer Zeit auf annähernd ein Drittel wachsen. Eine Kapitalerhöhung soll knapp 14 Millionen Mark in die Kasse bringen, damit man diese Aufgabe mit Elan anpacken kann. Rosenthal hat 1983 bei vier Prozent Steigerung 626 Millionen Mark umgesetzt; davon entfielen 424 Millionen Mark auf den Wohnbereich und rund 190 Millionen Mark auf die Technik – also schon rund dreißig Prozent.

Rosenthal ist im technischen Bereich sehr früh aktiv geworden, zunächst in der gemeinsam mit der AEG betriebenen Rosenthal-Isolatoren-GmbH, aus, der schließlich die um andere Aktivitäten bereicherte Rosenthal-Technik AG herausgewachsen ist, während sich die AEG daraus vor einigen Jahren ganz zurückgezogen hat.