Die Wähler in den zehn Staaten der Europäischen Gemeinschaft stimmten bei der zweiten Direktwahl des Straßburger Parlaments in erster Linie über die Innenpolitik in ihren eigenen Landen ab.

Die Europapolitik selbst – das belegten Umfragen in den EG-Mitgliedsstaaten – motivierte die wenigsten Wähler bei ihrer Stimmabgabe, sie veranlaßte allenfalls viele Bürger zur Stimmenthaltung. Die Wahlbeteiligung sank in der Bundesrepublik von 65,7 Prozent bei der Europawahl vor fünf Jahren auf 56,8 Prozent. Ähnlich sah es in allen Ländern aus – mit Ausnahme Dänemarks, wo die Liste der Europagegner von der relativ guten Wahlbeteiligung profitierte.

Wie bei anderen Zwischenwahlen hatten es die Regierungsparteien schwerer als die Oppositionsparteien, ihre Anhänger zu mobilisieren. Im Vergleich zu den letzten Parlamentswahlen ging in allen zehn Ländern der Stimmenanteil der maßgebenden Regierungspartei zurück; die führenden Oppositionsparteien legten in acht der zehn Staaten zu. Nur die deutschen und die dänischen Sozialdemokraten profitierten nicht von ihrer nationalen Rolle als Opposition: Deutsche Grüne und dänische Europagegner gruben ihnen allem Anschein nach das Wasser ab.

In Frankreich wurde der rechtsradikale Jean-Marie Le Pen zum großen Wahlsieger.

Noch vor zwei Jahren war er ein Unbekannter. Jetzt stimmten rund elf Prozent der französischen Wähler für seine rechtsradikale Nationale Front; in einzelnen Städten erzielte sie zwanzig Prozent und mehr. Die Unzufriedenen verhalfen Le Pen zum Triumph: enttäuschte Linkswähler ebenso wie Konservative, denen die bürgerliche Opposition zu abgestanden ist.

Fast hätte die Nationale Front sogar noch die Kommunisten überflügelt. Deren katastrophales Ergebnis von wenig mehr als elf Prozent (gegenüber 16,1 Prozent bei den Parlamentswahlen 1981) wird der Debatte über die Regierungsbeteiligung und die Nachfolge von Generalsekretär Marchais neue, bittere Nahrung geben. Die „oppositionelle Regierungsbeteiligung hat sich nicht bezahlt gemacht.

Aber auch an Frankreichs Sozialisten mit ihren annähernd 21 Prozent (gegenüber 37,4 Prozent 1981) erging eine scharfe Warnung. Mitterrand würde sie mißachten, wenn er nicht – womöglich erst nach der Ausarbeitung des unpopulären Sparetats – die Regierung umbildete. Umfragen zeigen indessen, daß die Sozialisten besser abgeschnitten hätten, wenn es um den Fortbestand des Linksregimes gegangen wäre. Von ihren Anhängern blieben besonders viele den Urnen fern.