Von Christoph Meckel

Cecco Angiolieri, der kritische Liebhaber von Gedichten, mein geschätzter Widersacher und alter Freund, kommt wieder mal, heftig klingelnd, zu mir und schwenkt eine Neuerscheinung im Treppenhaus.

Einzelne Gedichte kannte ich schon. Mir fiel ihre offensive Skepsis auf, ihr hell gespannter, eigentümlich unterdunkelter Enthusiasmus.

Dann können wir zur Sache kommen, sagt Angiolieri. Beim Lesen des Bandes vergaß ich, meine Zigarette anzuzünden. In eigener Erfahrung mit Lyrik ein bemerkenswerter Vorfall. Ich las mich fest in einer kratzigen, heftigen Realistik, gut gebaute Verse, genaue Sätze. „Alles ist gut. Der Schmerz hält mich / wach und heillos in Ordnung / das Vergehen der Freude bringt mich in Gang.“

Offensichtlich, sage ich, hat er Born gelesen, vor allem Enzensberger. Von dort kommt manchmal eine kleine Glätte, eine Fertigkeit des Syntaktischen, die sein Vers nicht braucht.

Nebensache, sagt Angiolieri. Er hat seine Übertriebenheiten und Schwankungen, seine Unausgeglichenheiten von Fall zu Fall, ich bagatellisiere sie keineswegs. Verschiedene Verse bleiben als Rohbau stehn. „Hüften wie Donner“ – oho! Schwache Stellen werden deutlich, weil die Verse stimmen. Und da das seine eigenen Mißstände sind, hat er die Chance, von ihnen zu profitieren. Nur Epigonen haben keine Schwächen. Dieser hier ist kein Mitläufer.

Er ist aus sich selbst gekommen, sage ich langsam, auf Umwegen, zäh. Doch wie bei manchen seiner Generation sind Zwischentöne von Selbstbedauern da. Das Motto des Buches, ein Satz von Vallejo, heißt: „Leb wohl, und leide!“ Oder was sagen Sie zu solchen Sätzen: „Da hock ich, die Stirn tief im Gesicht / und schieb eine Kugel aus Luft / im Mund herum. / Besoffen bin ich. / Ausschlafen möcht ich nochmal / bevor ich mich umbring.“ Der Grund liegt vermutlich im Lebensgefühl dessen, der in den siebziger Jahren zwanzig Jahre alt wurde und nichts an Illusion behalten hat. Vielleicht auch darin, daß die Lyrik dieser Generation von der Literatur wenig wahrgenommen, das heißt: immer weniger kritisiert wird. Böse alte Zeit der Lyrikschlachthöfe! Die Dreißigjährigen scheinen wenig belastbar ‚ sehr schnell zufrieden mit sich und dem eigenen Satz, barmherzig mit Kritik und Selbstkritik, fehlende Maßstäbe, provinzielle Ästhetik. Täusche ich mich?