Von Nina Grunenberg

Für türkische Kinder aus gutem Hause beginnt der Ernst des Lebens mit der Aufnahmeprüfung für ein zweisprachiges Gymnasium. Einer dieser Chancenspender, der aus der Sprachisolierung heraushilft und auch Aussichten auf ein Studium im Ausland eröffnet, ist das "Istanbul Lisesi", die in der Istanbuler Altstadt gelegene deutsch-türkische Oberschule. Sie hat 1250 Schüler, Jungen und Mädchen, darunter 150 Kinder von Rückkehrern aus Deutschland.

Für die "Almançe", die "Deutschtürken", wie sie nicht immer mit freundlicher Absicht genannt werden, die in der Bundesrepublik eine weiterführende Schule besucht haben, scheint das "Istanbul Lisesi" wie gemacht zu sein. Oft ist ihr Türkisch so mangelhaft geworden, daß sie Nachhilfeunterricht nehmen müssen, wenn sie in die Heimat zurückgekehrt sind. Auf einer rein türkischen Oberschule kämen sie schlechter zurecht als auf dem deutsch-türkischen Gymnasium.

Aber für ihre Eltern ist diese Schule mehr, sie ist ein Statussymbol. Wer ein Kind auf dem "Istanbul Lisesi" hat, kann sich in der Türkei zu den Arrivierten zählen. Auf dem Umweg über die Bundesrepublik haben diesen Sprung in die oberen Ränge der türkischen Gesellschaft auch solche Familien geschafft, die vor ihrer "Auswanderung" auf solche Ideen gar nicht gekommen wären. Jetzt aber sind sie womöglich so ehrgeizig geworden, daß sie versuchen, ihr Kind auch dann auf dem "Lisesi" unterzubringen, wenn es in der Bundesrepublik nur den Hauptschulabschluß gemacht hat oder die Realschule besuchte und abbrechen mußte.

Der soziale Aufstieg hat seine Schattenseiten – weniger für die Eltern: Sie sind oft überraschend zufrieden mit dem, was sie an materiellen Reichtümern durch den Aufenthalt in der Bundesrepublik gewonnen haben. Sie sind auch gerne wieder im "Vaterland". Die Leidtragenden der deutschen Rückkehrerpolitik sind nicht sie, sondern ihre Kinder. Besonders wenn sie in Deutschland aufgewachsen sind und zur Schule gingen, müssen sie nicht nur die Trennung von der Umgebung ihrer Kindheit verschmerzen, sondern auch den Abschied von den Freunden – in der Erinnerung der türkischen Jugendlichen sind das öfter, als man für wahr halten würde, deutsche Freunde. Das Mißtrauen und die latente Abneigung, mit der sie in der Türkei empfangen werden, trifft diese Kinder um so härter, als sie nicht darauf vorbereitet sind.

"Die Lehrer waren wirklich komisch", erinnerte sich der lebhafte Fuad. Er ist einer der Rückkehrer-Schüler im "Istanbul Lisesi". "Das erste, was sie uns gesagt haben, war: ‚Ihr seid nicht so gut wie die anderen." Der siebzehnjährige Fuad ließ sich das nicht einfach gefallen: So schnell läßt er nichts auf seine Heilbronner Schule kommen, seine alten Klassenkameraden haben ihn gerade erst wieder für die Ferien eingeladen. Noch mehr empörte ihn, als die Lehrerin vor versammelter Mannschaft über ein Mädchen sagte: "Die ist schlecht, die ist aus Deutschland gekommen."

Die um den anspruchsvollen Ruf des "Istanbul Lisesi" besorgten türkischen Lehrer betrachten die Kinder nicht nur als schulische und soziale "Seiteneinsteiger", für die sie "keinen Finger krumm machen", wie ein deutscher Gastlehrer bedauernd meinte. Die Deutsch-Türken sind in ihren Augen auch verdorben, weil sie sich anders verhalten, als von türkischen Kindern erwartet wird. Statt dem Unterricht gehorsam, diszipliniert und ohne Fragen zu stellen, zu folgen, sind sie kritisch, offen und oft sehr nachdenklich, wenn nicht sogar "problembewußt": Sie stehen zwischen zwei Kulturen und sammelten in beiden – anders als die Eltern, die das Leben in der Bundesrepbulik oft nur aus dem Gastarbeitergetto beobachteten – aktive Erfahrungen.